SIMON MEIER

WAKE UP ON MARS (DEA GJINOVCI)

Furkan, ein zehnjähriger Roma-Junge, lebt mit seinen Eltern, seinem Bruder Resul und den beiden Schwestern Ibadeta und Djeneta in Horndal, einem ehemaligen Industriestädtchen nordwestlich von Stockholm. Die Familie ist aus dem Kosovo geflüchtet, wo sie wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit verfolgt und diskriminiert wurden. Nach dem ersten abgewiesenen Antrag wird die Familie 2010 wieder abgeschoben. Wegen der anhaltenden Diskriminierung flüchtet die Familie 2014 wieder nach Schweden. Auch diesmal wird der Antrag wieder abgelehnt, wenn auch die Familie nicht deportiert. Seither befinden sich die beiden Schwestern in einem komaähnlichen Zustand, Resignationssyndrom genannt. Sie müssen rund um die Uhr versorgt und gepflegt werden. Die Familie wartet auf den Bescheid eines erneuten Asylantrags.
 
Regisseurin Gjinovci begleitet die Familie in ihrem Alltag, der von Nüchternheit und der aufopfernden Pflege der beiden Schwestern geprägt ist. Gelegentlich kommt eine Ärztin oder eine Pflegerin auf Besuch. Furkan und Resul erkunden die unberührten Landschaften um ihre Wohnung, die von Nadelwäldern und einem kleinen See geprägt ist. Über Interviews, die mittels der Tonspur mit den Bildern des Alltags überlagert werden, erfährt der Zuschauer mehr über die persönlichen Eindrücke und Erlebnisse der Familie, die zum Teil traumatischen Erlebnisse im Kosovo, wobei der Fokus auf den Erfahrungen von Furkan liegt. Dieser flüchtet sich vor dem eher traurigen Alltag in seine Fantasien von der Bereisung des Weltalls und Erkundung des Mars. Mit Resten von ausgedienten Autos eines Schrottplatzes beginnt er eine eigene Rakete zu bauen. Hier nun wendet Gjinovci einen Kunstgriff an: Sie beginnt einzelne Szenen zu inszenieren, etwa wenn Furkan durch eine öde, von roter Erde durchdrungene Industrielandschaft wandelt und den Boden untersucht. Sein Bedürfnis nach Realitätsflucht wird so bildlich veranschaulicht. Auch beim Bau der Rakete hilft die Filmcrew mit, wie die Regisseurin im Rahmen eines Interviews für das Visions du Réel ausführt.
 
Anhand von Fragmenten eines Radioprogramms zum Resignationssyndrom, die verstreut eingespielt werden, erfährt man mehr über die Geschichte der ungewöhnlichen Krankheit, die wegen ihrem Bezug zum Migrationsprozess und den Entscheiden von Migrationsbehörden immer auch wieder Anlass für politische Diskussionen gab. Am Ende des Filmes steht der Umzug der Familie in eine grössere Wohnung, nach dem die temporärere Aufenthaltsbewilligung gutgeheissen wurde, und der effektvoll inszenierte Abflug von Furkan zum Mars.
 
Gjinovci gelingt mit Wake Up on Mars ein sehr intimes Portrait einer Migrationsgeschichte, das mit seiner starken, zuweilen metaphernhaften Bildsprache überzeugt. Der Film lief im Wettbewerb der Onlineausgabe des Visions du Réel.
Simon Meier
*1986, Studium der Kunstgeschichte, Filmwissenschaft und Ethnologie an der Universität Zürich. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitet als Bildredaktor bei Keystone-SDA. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2020)
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