DAVID GROB

NYON IST NUR EINEN MAUSKLICK ENTFERNT — DAS VISIONS DU RÉEL IN ZEITEN VON CORONA

Draussen leuchtet der Himmel in beinahe schon absurd klarem Blau, die Sonne zeichnet ein goldenes Rechteck auf den Holzboden. Ich sitze in meinem Bett, den Rücken an der Wand, die Beine unter der Decke, es ist zehn Uhr morgens, 21. April, und auf dem Laptop vor mir läuft der Kurzdokumentarfilm Shadows of Your Childhood. Eigentlich stimmt so einiges nicht mit dieser Art des Schauens. Eigentlich sollte der Film erst in einer Woche gezeigt werden und nicht schon jetzt in der dritten Aprilwoche. Eigentlich sollte ich ihn in einem Kinosaal sehen, in dem die Luft zwar noch etwas stickig ist von der Vorstellung zuvor, aber vor Vorfreude knistert. Ich sehe den russischen Kurzfilm aber auf dem 15-Zoll-Screen eines Laptops, der Schwarz allerhöchstens als Anthrazit und nicht satt wie Pech darstellen kann. Denn einige Wochen zuvor legte die Coronakrise die Schweiz lahm.

Und so findet das Dokumentarfilmfestival Visions du Réel in diesem Jahr im Internet statt. Nyon ist nicht mehr dreieinhalb Zugstunden entfernt, sondern nur noch einen Mausklick. Mein erster Besuch am Visions du Réel findet online statt. Und ich sitze in meinem Bett, starre auf den Bildschirm und frage mich: Kann das funktionieren? Ist ein Festival noch ein Festival, wenn es im Internet stattfindet?

Ay Corona, ein Festival wandert ins Internet

Die Medienmitteilungen der Festivalleitung lesen sich wie eine Chronologie der Coronakrise. Erst lief alles wie geplant. 20. Januar: Visions du Réel stellt die visuelle Identität seiner nächsten Ausgabe vor. 3. März: Die brasilianische Filmemacherin Petra Costa im Fokus. 10. März: Visions du Réel präsentiert einen Überblick seines Programms.
 
Und dann:
 
18. März: Visions du Réel überdenkt seine kommende Ausgabe.
 
30. März: 2020 – Das Festival neu als Online-Veranstaltung.
 
Ay Corona! Wie viele andere Veranstaltungen trafen die Lockdown-Massnahmen des Bundes das Visions du Réel mit voller Wucht. Rund einen Monat hatte die Festivalleitung also Zeit, das Festival ins Internet zu zügeln. Und zwar das gesamte Festival, nicht nur einen Grossteil der Filme. Masterclasses, Diskussionsrunden, Industry-Events für die Filmszene – sie alle sollten online stattfinden. Ein Festival eben, nur halt im Internet. Und länger. Statt wie gewohnt eine Woche dauerte die diesjährige Online-Ausgabe deren zwei. «Wir haben gemerkt, dass in einer Woche auch ein fleissiger Zuschauer kaum alle Filme hätte sehen können», sagt Mediensprecher Beat Glur. So entschied die Festivalleitung, die Filme in zwei Wellen zu zeigen, jeweils mit zwei der vier Wettbewerbe. «Wir wollten die bestmöglichen Bedingungen für unsere Zuschauerinnen und Zuschauer herstellen», sagt Glur.

Die Bürde des Entscheidens

Während zwei Wochen besuche ich also immer wieder das Visions du Réel. Ich scrolle mich durchs Programm. Es ist wie bei einem realen Festivalbesuch. Man schaut sich die Bilder der Filme an, überfliegt die Programmtexte, vergleicht die Spieldauern. Und doch ist etwas anders: Bei einem Festival entscheidet für mich oft auch der Zeitpunkt, an dem ein Film gezeigt wird, darüber, ob ich mich in den Kinosaal setze oder nicht. Es ist 14 Uhr, um 14.30 startet Film XY über den Alltag peruanischer Alpaka-Hirten in den Anden. Nicht unbedingt ein Thema, das mich brennend interessiert. Aber fair enough, gibt sicher schöne Aufnahmen, die Anden und Alpakas sind sowieso toll, und um 17 Uhr läuft im gleichen Saal Film YZ über feministische Aktivist_innen in Moskau, den ich unbedingt sehen will – da kann ich gleich sitzen bleiben. Bei einem Online-Festival fällt diese Entscheidungshilfe weg. Ich und nicht der Zeitpunkt muss entscheiden, welcher Film geschaut wird. Die immerwährende Zugänglichkeit des Programms offenbart meine Unzulänglichkeit des Entscheidens.

Ich scrolle und klicke, klicke und scrolle, sicher eine Viertelstunde lang, und kann mich nicht entscheiden. Reiss dich zusammen, denke ich. Schliesslich spricht mich das runde Gesicht eines Kleinkindes im Halbdunkel an. Shadows of Your Childhood heisst der Film, Teni tvoego detstva lautet der russische Originaltitel. Es ist ein Kurzfilm des russischen Regisseurs Mikhail Gorobchuk. 21 Minuten Poesie in Licht und Schatten, Farben und Formen, Tönen und Flimmern. Ein Haus, irgendwo im russischen Nirgendwo. Ein Zug, der vorbeirasselt. Stimmen von Mann und Frau. Mehr Kontext gibt Regisseur Gorobchuck nicht. Und mittendrin: ein Kleinkind, das hört, sieht, spürt, riecht. Seine Umgebung aufnimmt und wahrnimmt. Die Mutter? Nicht mehr als Hände, die weisse Wäsche aufhängen und ihr tanzender Schatten dahinter. Der Vater? Nicht mehr als eine energisch sprechende Stimme am Esstisch. Eine Kaffeetasse wird zum geschwungenen Schatten an der Wand. Die Welt des Kindes besteht aus flimmernden und tanzenden Eindrücken. Ein Film, rätselhaft und wunderschön.

Das Rätsel wird nach dem Film gelöst. Ein Link führt mich auf Youtube, Regisseur Mikhail Gorobchuk spricht aus seiner Wohnung zum Publikum. «Many of us are in self-isolation with those closest to us. I made my film the same way, without leaving the house.» Gorobchuk hat seine Tochter gefilmt. Sein Film sei der Versuch, Eindrücke der Kindheit einzufangen, die Jahre später nur noch als Erinnerungsfetzen zurückbleiben.

Ecstasy ist verständlicher. Und fährt stärker ein. Die brasilianische Regisseurin Moara Passoni erzählt in 71 Minuten die Geschichte einer jungen Frau und ihrer Anorexie. Lara, Tochter einer brasilianischen Kongressabgeordneten, entwickelt in ihrer Jugend eine Essstörung, aus der sie erst als Erwachsene langsam wieder herausfindet. Der Film steht an der Grenze zwischen Dokumentarfilm und Fiktion und verbindet autobiografische Aussagen mit fiktionalen Szenen, erzählt in starken Bildern und einer einnehmenden Montage. Es ist ein subjektiver, intimer Film. Stets nehmen wir Zuschauer die Geschichte aus der Perspektive der Protagonistin Lara wahr. Die Kamera bleibt stets nah an ihr, alles wirkt wie in Watte gehüllt, weich und weichgezeichnet. Unklar bleibt, was fiktional, was dokumentarisch ist. Basiert der Film auf Erfahrungen der Regisseurin? Oder lockt mich hier die Subjektivität des Filmes auf eine falsche Fährte? Hier wäre ein Q&A im Kinosaal hilfreich gewesen. So bleibe ich zwar fasziniert und berührt, aber auch etwas rätselnd zurück.

Es ist wie bei einem realen Festival: Viele Filme sind ausverkauft

Als ich einige Tage später das Festival wieder besuche, fällt es mir leichter, mich für einen Film zu entscheiden. Mir wird aber auch geholfen. Über immer mehr Filmen prangt ein fettes SOLD OUT. 500 Plätze fasst der virtuelle Kinosaal im Online-Festival, 500 Zuschauer_innen können einen Film maximal sehen. Warum eigentlich?, frage ich Ende des Festivals Mediensprecher Beat Glur. «Das Ziel war, möglichst die Bedingungen eines normalen Festivals aufrecht zu erhalten, um den Filmen zu ermöglichen, danach wieder eine normale Karriere weiterverfolgen zu können, sowohl an Festivals als auch darüber hinaus.»

Hier gleicht das Online-Festival einem normalen Festival. Gewisse Filme, die ich sehen möchte, sind ausverkauft. Und so wähle ich eben auch Filme, die ich ansonsten wohl links liegen gelassen hätte. Die aber interessante Perspektiven ermöglichen.

On A Clear Day You Can See the Revolution from Here etwa. Die britisch-kanadischen Filmemacher Emma Charles und Ben Evans James erzählen die Suche Kasachstans nach einer eigenen Identität, die das Land auch 30 Jahre nach der Implosion der Sowjetunion noch nicht gefunden hat. Charles und James erstellen die zerklüftete Kartografie eines Landes zwischen westlichem Kapitalismus und sowjetischer Prunkarchitektur der Hauptstadt, zwischen nomadischer Vergangenheit und gigantischem Tagebau. Die Bilder in 16mm wirken wie vergilbte Postkarten aus dem Kalten Krieg.

sòne: ist das Erstlingswerks des Schweizer Regisseurs Daniel Kemeny und seine Rückkehr nach Pietrapaola, in dem der Filmemacher aufgewachsen ist. 200 Menschen leben heute noch im kalabrischen Dorf, dessen graubraune Häuser sich an einen graubraunen Felsen drängen. Der 75-minütige Dokumentarfilm erzählt die Begegnung Kemenys mit den wenigen Einwohnern, die noch geblieben sind. Es ist ein Film der Inszenierungen: Eine Blaskapelle, die auf den Balkonen spielt, unzählige Plastikbälle, die durch die engen Gassen prallen, der Filmemacher, der mit den Dorfbewohnern spricht. Was will der Film eigentlich genau erzählen? Geht es um den Besuch des Regisseurs? Die Musik? Einen Querschnitt durch das Dorf? Ich weiss es nicht, ich sitze rätselnd, fasziniert und etwas genervt in meinem Bett. Der Film ist … interessant, ohne genau zu wissen, ob das nun gut oder schlecht ist.

Petra Costa, die Entdeckung des Festivals

Die Entdeckung des Festivals ist für mich aber die brasilianische Regisseurin Petra Costa. Ihre Filme bildeten einen kleinen Schwerpunkt des Festivals. Costa leitete ausserdem eine Online-Masterclass, die ich aber leider verpasst habe. In Elena rollt die Regisseurin die Geschichte ihrer älteren Schwester auf, die in den 1990er-Jahren von Brasilien nach New York zog, Schauspielerin werden wollte – und daran zerbrach. Mit privaten Videoaufnahmen und viel Feingefühl schildert Costa die tragische Geschichte ihrer Schwester. Ein sehr persönlicher Film, intim und poetisch erzählt, der aufwühlt.

Auch The Edge of Democracy wühlt auf. Costa zeigt hier die jüngere Politgeschichte Brasiliens und versucht zu erklären, warum mit Jair Bolsonaro 2018 ein Politiker Präsident werden konnte, der derart von Antidemokratie, Homophobie, Rassismus und Sexismus strotzt, dass selbst Donald Trump wie ein umsichtiger Staatsmann wirkt. Costa erzählt eine Geschichte von Aufstieg und Niedergang, Verrat und Betrug. Präsident Luis Lula da Silva, der 2003 als erster Präsident der Arbeiterpartei an die Macht kam, versprach Hoffnung und sorgte für wirtschaftliche Aufschwung. Seine Nachfolgerin Dilma Rousseff wurde des Amtes enthoben. Petra Costa schildert diesen Bruch als Putsch, der eine Figur wie Jair Bolsonaro erst ermöglichte. The Edge of Democracy ist weniger persönlich als Elena, auch wenn Costa hier immer wieder Fragmente ihrer Familiengeschichte einstreut. Die kraftvolle Dokumentation wurde für die Oscars 2020 nominiert.

Das Scheitern an meiner Bequemlichkeit

An einigen Filmen scheitere ich aber auch krachend. Intimate Distances zeigt etwa die legendäre Casting-Direktorin Martha Wollner beim Versuch, einen Darsteller in den Strassen von New York zu zeigen. Die Kamera dokumentiert mit starkem Zoom aus der Entfernung ihre Versuche. Nach rund 20 Minuten breche ich ab. «Booring, abgebrochen, da beinahe eingeschlafen» steht in meinen Notizen zu zum Film. Auch an Purple Sea scheitere ich. Die syrische Künstlerin Amel Alzakout zeigt schwer erträgliche Bilder eines Schiffbruches. In einem Flüchtlingsboot setzte sie von Syrien nach Europa über. Kurz vor Lesbos kenterte das Boot, die Flüchtlinge treiben im Wasser. Immer wieder taucht die Kamera, die irgendwo an Alzakouts Körper befestigt war, Menschen schreien, die Wellen schlagen unerbittlich, und aus dem Off ertönt Alzakout Stimme. Auch hier breche ich ab. Nicht, weil mir die Bilder zu unerträglich sind. Sondern vielmehr, weil ich mich nicht darauf einlassen kann.

In beiden Fällen, Purple Sea und Intimate Distances, sind es nicht die Filme, die mich aufgeben lassen. Es ist die Umgebung, in der ich sie schaue. Im dunklen Kinosaal wäre ich sitzen geblieben, hier in meinem Bett, den Laptop auf dem Schoss, ist der nächste, vielleicht zugänglichere Film, nur einen Klick entfernt.

Und hier zeigen sich auch die Grenzen eines Online-Festivals. Es kommt eigentlich nie vor, dass ich einen Film im Kino nicht zu Ende schaue. Selbst Pink Flamingo, eine Groteske aus Kot, Mord und Sex, habe ich vergangenen Sommer in Locarno zu Ende geschaut. Obschon zahlreiche Zuschauer den Saal im Minutentakt empört schnaubend verlassen haben. Jetzt aber breche ich ab. Netflix hat mich zu sehr auf Zugänglichkeit und Spannung konditioniert. Der Kinosaal hat viele Vorteile. Einer ist, dass man gezwungen ist, auch unangenehme, langweilige, unerträgliche Szenen auszuhalten – und so neue Einblicke gewinnt, Erfahrungen macht, die man ansonsten nicht gemacht hätte.

Auf einen neuen ersten Besuch

Die Festivalleitung gibt sich zufrieden in der Medienmitteilung nach dem Festival. Die Online-Ausgabe habe sich gelohnt. «Ohne die Begeisterung und die Beharrlichkeit des gesamten Teams, der verschiedenen Lieferanten, Partner und Sponsoren hätte dieses ehrgeizige Vorhaben nicht realisiert werden können», lässt sich die administrative Direktorin Martine Chalverat im Communiqué zitieren. 134 Film waren online sichtbar und wurden insgesamt 60’500 Mal gesichtet. Zum Vergleich: 2019 hatte das Visions du Réel rund 45’000 Eintritte. Die grosse Mehrzahl der Filme war «ausverkauft» und haben die maximale Anzahl von 500 Visionierungen erreicht. Die Diskussionen mit den Filmschaffenden, die Panel-Gespräche und die Masterclasses wurde von insgesamt 4500 Personen (effektive Teilnahme) online verfolgt.

Dass das Online-Festival gelungen ist, finde auch ich. Trotzdem vermisse ich so einiges. Mir fehlt das Warten auf den Film im Kinosaal, das Raunen der Zuschauer, der Festivaltrailer, die mal souveränen, mal unbeholfeneren Ankündigungen der Moderator_innen, das Stumme-Blicke-Tauschen mit seinen Nachbarn während des Filmes, die Reaktionen des Publikums, das Q&A, der Applaus. Versteht mich nicht falsch liebes Visions du Réel, ihr seid super. Dass ihr in kurzer Zeit ein ganzes Festival ins Internet gezügelt habt, ist grossartig. Aber das Erlebnis eines Festivals kann im Internet nicht simuliert werden. Genauso wie die sozialen Medien echte Freundschaft nicht ersetzen können. Ein Festival ist auch alles zwischen den Filmen. Das Warten auf einen Film. Der Spaziergang zum Kino am anderen Ende der Stadt. Das Taumeln aus dem dunklen Kinosaal im hellen Sonnenschein. Das Hetzen in die nächste Vorstellung. Das Diskutieren bei einem, zwei, drei Bieren nach dem Film.

Nächstes Jahr wird es das geben. Dann, wenn Nyon wieder dreieinhalb Zugstunden und nicht bloss einen Mausklick entfernt ist, werde ich das Visions du Réel besuchen. Zum zweiten Mal, zum ersten Mal.

David Grob
*1988 in Frauenfeld, Studium der Geschichte und Filmwissenschaft an der Universität Zürich (2009–2015). Abgeschlossene Ausbildung zum Gymnasiallehrer für Geschichte (2017). Interdisziplinäre Masterarbeit zum Thema der Feindbildkonstruktion im angelsächsischen Spio­nage-Thriller der 50er- und frühen 60er-Jahre. Seit 2016 Team-Mitglied der Internationalen Kurzfilmtage Winterthur.
(Stand: 2019)
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