MATTIA LENTO

MOKA NOIR — NO MORE COFFEE IN OMEGNA (ERIK BERNASCONI)

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde in Omegna, einer kleinen italienischen Stadt am Ortasee, ein aussergewöhnlicher Industriebezirk geboren. In dieser Ecke des Piemonts, nahe der Schweizer Grenze, sind einige herausragende Marken der Haushaltswareindustrie – Bialetti, Alessi und Lagostina – entstanden, welche die Häuser der ganzen Welt erreichten. Es war die Erfindung des berühmten italienischen Mokkas in den Dreissigerjahren, die den entscheidenden Impuls zur Entstehung des Bezirks gab. Mit dem italienischen Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit wurde Omegna zu einem prominenten industriellen Gebiet, wozu auch die zunehmende Werbung in den Massenmedien beitrug. Ab den 1980er-Jahren geriet der Bezirk jedoch in Schwierigkeiten, und mit der internationalen Wirtschaftskrise 2008 verschwanden fast alle seine Fabriken. Heute ist Omegna eine postindustrielle Stadt ohne Identität.
 
Moka noir thematisiert die Krise dieser Stadt und macht sich auf die Suche nach ihren Ursachen. Erik Bernasconi führt uns mit der geschickten Verwendung von Archivmaterial in der Zeit zurück. Er macht zum Beispiel Gebrauch von den wunderschönen, handgezeichneten Carosello Werbeanimationen, einer in den 1960ern und 1970ern sehr populären Fernsehsendung Italiens. Oder er trifft die Arbeitnehmenden und Arbeitgeber der ehemaligen Fabriken, die vor der Kamera in ihrem Gedächtnis wühlen. In Moka noir steht die Verwüstung der Gegenwart durch das Spektakel der zerfallenden Industriearchäologie im Zentrum. Alles scheint faszinierend und beunruhigend zugleich, auch dank den Schwarz-Weiss-Bildern.
 
Der Regisseur inszeniert die leeren Fabriken, die stille Co-Protagonisten der Geschichte werden, und er bringt seine Figuren durch Besichtigungen direkt mit ihnen in Kontakt. In diesen Szenen erinnern sich die Protagonisten an ihre Vergangenheit, aber sie konfrontieren sich auch mit der Realität der Krise, mit persönlichem und gemeinschaftlichem Versagen sowie verschleierter, mit dem Tod. Das Gebiet von Omegna gleicht in der Tat einer Leiche, und Erik Bernasconi versetzt sich ironischerweise in die Lage eines Film Noir-Detektivs, der für die Aufklärung eines Mordes zuständig ist. Die Frage, die den Dokumentarfilm vorantreibt, ist die Suche nach den Schuldigen der Krise. Der dramaturgische rote Faden wird durch diesen Einfall des Regisseurs und des Co-Autors Matteo Severgnini offen gezeigt. Letztendlich gibt es keine Schuldigen: Arbeitnehmer, Unternehmer und Territorium sind alle Opfer eines komplexen Prozesses, der mit der italienischen Industriekrise, mit der Entstehung von Industriegebieten ausserhalb Europas und nicht zuletzt mit industriepolitischen Fehlern der Politik verbunden ist.
Mattia Lento
*1984, Promotion an der Universität Zürich und Universität Mailand mit einer filmwissenschaftlichen Dissertation. Postdoc zur Beziehung zwischen dem Schweizer Kino und der italienischen Diaspora an verschiedenen Universitäten. Derzeit arbeitet er als Journalist, Filmkritiker und Autor.
(Stand: 2020)
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