SIMON MEIER

LE MILIEU D’HORIZON (DELPHINE LEHERICEY)

Es ist Hitzesommer 1976 irgendwo im ländlichen Teil der Romandie: Der 13-jährige Gus lebt mit seinem Vater Jean, seiner Mutter Nicole und Knecht Rudy auf einem Bauernhof. Der Grossvater, der die meiste Zeit beim alten Pferd Bagatelle verbringt, lässt sich fast nie blicken und auch seine Schwester, die in Deutschland Geige studiert, glänzt meistens durch Abwesenheit und ist nur während der Sommerferien zurück auf dem Hof. Gus, der am liebsten mit seinem Rennrad durch die Felder radelt und Comichefte liest, muss wegen der Trockenheit auf dem Hof mithelfen: Täglich gilt es die wegen der Hitze eingegangenen Hühner einzusammeln und in Plastiksäcke zu stecken. Die flirrende Sommerhitze lässt die Gemüter hochkochen und schon kurz nach dem Eintreffen von Cécile, einer Freundin Nicoles, die sie aus einer feministischen Büchergruppe kennt, beginnt sich die Stimmung auf dem Hof zu verändern und das fragile Beziehungsnetz der Familie gerät ins Wanken.
 
Le milieu d’horizon basiert auf dem gleichnamigen Roman von Roland Buti. Wie das Buch fokussiert auch der Film auf die Perspektive von Gus und dessen Herausforderungen mit der Pubertät. Anders als bei genretypischen Coming-of-Age-Filmen liegt der Fokus aber nicht auf der Entdeckung der eigenen Sexualität und auf dem Aufbegehren gegen die Eltern, sondern vielmehr auf dem Erkennen der zerrütteten familiären Verhältnisse: Gus ist ein wortkarger, meist mürrisch dreinblickender und aufbrausender Beobachter seiner Umgebung. Kurz nachdem Jeans Freundin Cécile auf dem Hof auftaucht, entdeckt er seine Mutter beim heimlichen Rumknutschen mit ihrer Freundin. Auf seine Entdeckung reagiert Gus mit offenem Hass gegenüber seiner Mutter. Sein ruppiger doch gutherziger Vater will die Affäre lange nicht hinnehmen, zu sehr ist er mit dem langsamen Verenden der Tiere und Pflanzen und der Zukunft seines Hofes beschäftigt.
 
Lehericey verfilmt die sich entfaltende Familientragödie mit symbolstarken Bildern, in denen die unter der Hitze leidende Natur die zerbrochenen Illusionen von Gus konstant widerspiegelt: Gleich schon zu Beginn des Filmes entdeckt er ein eingegangenes Rind auf einem Feld, in dessen Augen sich schon die Fliegen tummeln, immer mehr Hühner fallen der anhalten Hitze zum Opfer und das alte Pferd Bagatelle will störrisch unter einem Baum eines fremden Bauernguts seine letzte Reise antreten. Weiter legt Lehericey den Fokus besonders auf die Rolle der Mutter: Sie ist es, die es versteht, sich zu vergnügen, rumzualbern und ihre Wünsche zu verfolgen und sich nicht ins Korsett der aufopfernden, selbstlosen Bauersfrau zwängen zu lassen. Vor dem Hintergrund des Hitzesommers spielt sich daher indirekt auch die Geschichte der Frauenbewegung und des Wandels der Landwirtschaft ab.
 
Le milieu d’horizon ist in der Kategorie «Bester Spielfilm» für den Schweizer Filmpreis nominiert und Jungdarsteller Luc Bruchez (Gus) in seiner ersten Filmrolle als bester Darsteller.
Simon Meier
*1986, Studium der Kunstgeschichte, Filmwissenschaft und Ethnologie an der Universität Zürich. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitet als Bildredaktor bei Keystone-SDA. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2020)
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