SIMON MEIER

LES PARTICULES (BLAISE HARRISON)

Der verträumte, unbeholfene P.A. und seine Freunde sind im letzten Matura-Jahr in Pays de Gex im französischen Jura, nahe der Grenze zu Genf. Eigentlich scheinen er und seine Kumpel die gleichen Vorlieben und Interessen wie die meisten Teenager zu haben: Sie experimentieren mit Drogen, albern herum, spielen zusammen in einer Band und versuchen mit dem anderen Geschlecht anzubandeln. Doch die Verwirrungen des Erwachsenwerdens haben bei P.A. ganz besondere Ausprägungen: Vom Schulbus aus sieht er, wie sich Teile der Landschaft um ihn herum plötzlich krümmen, ein Vogelschwarm formiert sich auf seltsame, bedrohliche Weise über ihm und glühende, wolkenartige Partikel erhellen eine mysteriöse Stelle im Wald neben seinem Haus. Als sein bester Freund Merou nach einem Pilztrip im Wald plötzlich und unauffindbar verschwunden ist, scheint eine Verbindung zum Teilchenbeschleuniger LHC, der unmittelbar unter ihnen den Urknall simuliert, wahrscheinlich.
 
Der erste Spielfilm des schweizerisch-französischen Filmemachers Blaise Harrison verknüpft auf einnehmende Weise eine Coming-of-Age-Geschichte mit Elementen eines übernatürlichen Mystery-Thrillers und bildästhetischen Experimenten: Da sind einerseits die langen, behutsam komponierten Einstellungen über den jugendlichen Alltag von P.A., die teilweise einen dokumentarfilmartigen Charakter aufweisen. Anderseits die formalen Experimente, die die Veränderung der Naturgesetze und die Transformation der Teenagerpsyche durch eine stark verfremdete Wahrnehmung von P.A. wiedergeben, der in der Rolle eines Beobachters seine Mitmenschen oder Dinge lange anstarrt. Hier kommen Zeitlupe, Verzerrungen und das Spiel mit Teilchenwolken zum Einsatz: die Feuerpartikel am nächtlichen Lager des Pilztrips, die leuchtenden Partikel neben dem Haus von P.A. oder die wie pulsierende Punkte wirkenden Vögel eines Schwarms. Die Teilchenwolken führen dabei die metaphorische Grundthematik der vereinzelten, sich abstossenden aber immer auch wieder kollidierenden Teilchen und Menschen auf einer visuellen Ebene fort, wobei bei einer gelegentlichen Kollision von Materie und Antimaterie diese plötzlich verschwinden können...
 
Dass Harrison sich dazu entscheidet, auf eine ausgedeutete Narration zu verzichten und stattdessen mit Metaphern und verfremdeten Bildern arbeitet, gehört zu den Stärken des Films. Es passt dabei auch sehr gut, dass sowohl der noch unbeholfene Blick eines Teenagers als auch die Sicht der Quantenphysik auf die Welt Parallelen aufweisen: Beide versuchen, das vermeintlich Bekannte aber Unverständliche mit einem unvoreingenommenen Blick zu betrachten, der ein neuartiges Verstehen ermöglicht. Die Verfremdung der gewohnten Sichtweise ist dabei eine Möglichkeit, neue Perspektiven zu eröffnen.
 
Les particules feierte an der «Quinzaine des Réalisateurs» in Cannes seine Premiere und ist in der Kategorie «Bester Spielfilm» für den Schweizer Filmpreis nominiert. Es ist zu hoffen, dass der Mut zu unkonventionellen Erzählweisen und formalen Experimenten auch andere Filmemacher zu couragierten Produktionen inspiriert.
Simon Meier
*1986, Studium der Kunstgeschichte, Filmwissenschaft und Ethnologie an der Universität Zürich. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitet als Bildredaktor bei Keystone-SDA. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2020)
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