REMBERT HÜSER

EINKAUFEN GEHEN

ESSAY

Ich war wieder da.

«November 19, 2000. I’ve once again returned from another trip to the Monroeville Mall after almost a 7 month hiatus. My g/f wanted to go Xmas shopping so we went. I also got a CD case w/ the mall’s logo on it by entering in a contest on their official website. I of course, took more pictures and got a few things at the Warner Bros, store of Superman. I’ll have the pics developed soon and I’ll update the mall section soon. I’m coming to realize that the mall section will be this sites biggest page and most of my time working on the page will be to make the mall page the best that it can be. I have a few ideas of what I’d like to do with it and we’ll see what can come of them.»1

Nach sieben Monaten Auszeit ist Matt Blazi wieder auf dem Trip. Eigent­lich ganz harmlos: Pam, seine Freundin, sagt, lass uns einkaufen gehen, Weihnachten!, Matt sagt, fein, «you’re fun to have while I lumber around the mall taking pictures and constantly talking about the movie while doing that.»2 Die Monroeville Mall, Matts Traum, ist nicht gerade um die Ecke. Um Geschenke kaufen zu können, müssen die beiden regelrecht anreisen. Was ist so besonders an dieser Mall? Was hat sie, was andere nicht haben?

«But it was only after my travels were completed that I saw Monroeville Mall as something of a model for malls across America. It isn’t exactly average - it’s more that Monroeville is the essential mall. [...] Inside the mall has that compact sense of being an enclosed and efficient distributor of everything. You can play the lottery there, and get quasi-religious counseling from The Talk Shop, a kiosk in the center of the mall that also functions as a living mall direc­tory [...]. For a while there was a row of storefronts that deserved to enter into mall mythology: Funland (the game arcade) followed by the John XXIII Cha­pel, followed by the Luv Pub. The chapel is gone now. So is the skating rink, which was the mall’s most distinguishing feature and most important com­munity asset before shortsighted business people decided the place was too valuable. Now there is a shop that says LUV in blinking, rogish pink neon; it describes itself as being <for dating ... mating and celebrating.» [...] To me the mall always felt something like a movie.»3

Irgendwas wie ein Film. 1978 fliegt in Dawn of the Dead, dem Horror­klassiker von George Romero, von dem Matt in einem fort erzählt, eine Gruppe von vier Leuten im Hubschrauber auf der Flucht auf die Monroeville Mall zu:

«The building looks like a giant domino lying flat on the ground.»4 Der Film ist heute in den USA unter anderem in der Sammlung des New Yorker Museum of Modern Art zu finden, und er wird regulär im Fernsehprogramm gesendet (zuletzt im Nachmittagsprogramm des Spielfilmkanals AMC). In Deutschland ist er seit dem 22. November 1983 von der Bundesprüfstelle für Jugendschutz indiziert und seit 1999 von der Staatsanwaltschaft Amtsgericht Berlin-Tiergar­ten bundesweit beschlagnahmt. Die Beschlagnahme erfolgte im Rahmen einer bis heute andauernden, neuen Zensurwelle in Deutschland, von der bislang nur die Razzia und die dreiwöchige Schliessung der über Berlin hinaus bekannten Genrevideothek Videodrom am 23. November 1999 in der Öffentlichkeit wahr­genommen wurden. (Hierauf war es zu Protesten unter anderem von Film­regisseuren wie Buck, Buttgereit, Kluge, Schlingensief und Tykwcr gekommen.)

Matt Blazi holt bei seinem Vorweihnachtsbesuch in der Mall das MM-Logo auf der Plastik-CD-Hülle ab, die er beim Internet-Preisausschreiben gewonnen hat - er braucht alles von der Mall, was sich auf seinen Alltag beziehen lässt. Hauptsächlich hält er jedoch Ausschau nach Fotomotiven für seine Internet­seite. «Cinephilie hat mehr mit dem Schreiben für Zeitschriften zu tun als da­mit, Zeitschriften zu lesen. [...] Es gibt die Erfahrung eines Exzesses, der nach einem zusätzlichen physischen Ritual verlangt, einer Geste, die das Zuschauen und Sprechen ergänzt.»5 Lesen allein genügt nicht - natürlich ist auch der Fan der Mall ein «excessive reader».6

Auf ihrer Website bietet die Monroeville Mall keine Fotos von sich und keine Angaben zu ihrer Geschichte; nach Rubriken wie «History» oder «About us» sucht man vergebens. Anfang der Siebzigerjahre sind Mark Mason und Ed­die Lewis, die Eigentümer von Oxford Development und damit der Monroe­ville Mall, sehr daran interessiert, das Logo der Mall unter die Leute zu bringen.

Für einen Spottpreis lassen sie (beide Romero-Fans) den Independent-Fil- mer aus der Nachbarschaft, dessen Zombiefilm The Night of the Living Dead zum Klassiker geworden war, für das «Sequel» ihre Mall nachts nach Geschäftsschluss mieten. «Oxford stellte die Mall für den symbolischen Betrag von 40000 Dollar zur Verfügung, der kaum die Verwaltungskosten deckte, und für einen kleinen Anteil am Gewinn des Films. Von den 143 Ladengeschäften der Mall gaben 130 die Erlaubnis, dass man sie im Film zeigte [...]. Viele der Eigentümer waren erstaunlich kooperativ. Sie erlaubten die Benutzung ihrer Geschäfte mitsamt der Ware ohne besondere Sicherheitsvorkehrungen. In eini­gen Fällen drückten uns die Leute einfach den Schlüssel in die Hand und ver­trauten uns», erinnert sich Rubinstein, Romeros Produzent. «In einigen weni­gen Fällen war ein Vertreter des Geschäfts während der Dreharbeiten zugegen - Sie wissen schon, in den Geschäften, die Jadekugeln aus der Zeit der Ming- Dynastie verkauften oder Waterford-Kristallwaren! Sogar eine Bank mit Nie­derlassung in der Mall war ungewöhnlich entgegenkommend. Wir brauchten eine Menge Bargeld für die Szene, in der sie die Bank plündern und Geld in die Luft werfen. Ich gab der Bank einen Check über 20000 Dollar, und sie gaben uns das Bargeld. Nachdem die Szene abgedreht war, kehrten wir das Geld zu­sammen und bekamen unseren Check zurück. [...] So weit ich mich erinnere, bekamen wir 19 996 Dollar wieder heraus.»7

Der Film mit der Mall gehörte in den USA zu den fünfzig kommerziell erfolgreichsten Filmen des Jahres. Die Monroeville Mall könnte sich zurück­lehnen, einen eigenen Memorabilia-Shop eröffnen: Mail-Ansichtskarten, Mall­Poster, Mall-Lagepläne, DOTD-Videotapes, Roy Frumkes Document of the Dead (den Making-of-Film von 1989), Paul Gagnes The Zombies That Ate Pittsburgh-Buch, William Severini Kowinskis The Mailing of America, Mali­Zahnpasta, Mail-Badetücher... sie könnte Touren anbieten.8 Aber nichts da. Im Gegenteil: Die Security Guards der Mall werden sogar angewiesen, Foto­grafieren im Mall-Inneren strikt zu unterbinden. Zombie-Aktivisten wie Matt wollen sie dort nicht. Es ist fast wie beim Werkschutz, fast wie im militärischen Sperrgebiet. Die Mall versteht keinen Spass. Sie kann nicht über ihren Schatten springen, sich selbst nur ganz schlecht verkaufen. Wovor haben die Mali-Be­treiber Angst? Ist Dawn of the Dead nicht ihre Riesenchance? Die halbe Miete? Nicht vielleicht sogar Teil ihres Jobs? «Neuere Theorien des Einzelhandels weisen ausdrücklich auf die Notwendigkeit hin, die alte Vorstellung eines gros­sen, monolithischen Mittelklassemarktes aufzubrechen, die für die Siebziger­jahre charakteristisch war. Die vorherrschende Marketingphilosophie in den USA der Achtzigerjahre setzt stattdessen auf Spektakel, Vielfalt und eine Aus­differenzierung des Marktes. Es geht darum, in einem Shoppingcenter Bilder von ethnischer Differenz, von Klassen- und Geschlechterdifferenz zu produ­zieren, [...] weil das Ausstellen von Unterschieden und Eigenheiten den touris­tischen Appeal eines Centers für all jene steigert, die von anderswo herkommen.»9 Eine Dawn-of-Monroeville-Mall, die durchaus tourismuskompatibel wäre - die Leute kämen von weit her angereist, um Weihnachtseinkäufe zu machen. Nur ist das für die Marketingexperten nun doch entschieden zu hoch gepokert. Der Ex-Horror-Schauplatz, wiederbelebt, ist dabei gar nicht einmal das Hindernis. Der hat in der Familienvideothek ohnehin seinen Stammplatz, und der Effekt des Mittlerweile-berühmt-Lokalen (die Faszination, dass ein berühmter Film in der Monroeville Mall, hier, gedreht wurde) würde die heikle Genrezugehörigkeit des Films rasch vergessen machen. Weitaus problemati­scher ist es, dass von Romeros Inszenierung ein ganz anders konstituierter Raum als der physische Raum der Mall ins Bewusstsein gerufen wird - ein Raum der Virtualität, der zentral ist für das psychologische und symbolische Funktionieren einer Mall: «ein Nicht-Raum sowohl der Erfahrung wie der Re­präsentation, ein Anderswo, das den Alltag durchwirkt. [...] Praktiken und Fä­higkeiten, die halb automatisch, in einem Zustand der Zerstreuung ausgeführt werden können - Autofahren, Einkäufen, Fernsehen -, bilden das kaum zur Kenntnis genommene Fundament der Alltagserfahrung. Dieses Fundament ist ohne Ort, ein teilweise entwirklichter Bereich, aus dem eine neue Fiktion des Alltäglichen hervorgeht.»10 Erzählt eine Mall nun eine Geschichte von ihrem Raum, die Alltag werden soll, so darf sie dabei den Punkt, an dem der virtuelle Raum des Shoppings an ihrer Konstruktion andocken soll, nicht benennen, wenn sie nicht gleich die Hoffung aufgeben will, diesen instrumentalisieren zu können. Jede Mall träumt davon, die Herrin ihrer eigenen Virtualität zu sein. Dazu darf sie eines auf gar keinen Fall: Shopping zum Thema machen. «Shop­ping» bedeutet nicht automatisch «Geld ausgeben», irgendetwas «abkaufen» oder Präsentationen mit der Kreditkarte abgelten, sondern zunächst einmal nicht viel mehr als «sich aufhalten». Einen Raum konsumieren und seine Zei­chen. Etwas mustern, zusammenstellen im Kopf, ausprobieren. Liegen lassen. Erlangt diese Aktivität Eigendynamik, steht sie dem Kaufen im Wege. («Shop­ping is the crisis of consumerism.»11) Schon gar nicht darf die Mall ihre lokale Identität von einem Film abhängig machen, der den «feinen Unterschied zwi­schen dem idealen und dem verschreckten Mall-Shoppcr»12 verwischt, Zom­bies, Schaufensterpuppen, Mail-Besucher, dich und mich spaced-out, weggetre­ten in Reihe stellt und womöglich kalt erwischt. «Es haut dich um [...]. Und plötzlich realisierst du: Du hast den ganzen Tag hier verbracht. [...] Aber das ist genau der Zweck dieser ganzen psychologischen Struktur: dein Bewusstsein auszuschalten und dich schweben zu lassen [...]. Erreicht wird das mit einer Mischung aus Friedlichkeit und Stimulation. Die Umgebung badet dich in süsser Gleichgültigkeit mit sanftem Licht, gezuckerter Musik und all den An­nehmlichkeiten, die dir Sicherheit vermitteln und Vergnügen bereiten, ohne deine Aufmerksamkeit allzu sehr in Anspruch zu nehmen. Gleichzeitig bilden die schiere Anzahl der Produkte und Erfahrungen, für die du bezahlst, und ihre scheinbare Vielfältigkeit Elemente, die dich erregen und deine Aufmerksamkeit verlangen. Diese Wirkungen sollen alle angenehm sein und unbewusst bleiben. Wenn allerdings ihre einlullende oder die anregende Qualität deutlich verspürt werden - und insbesondere dann, wenn sie in Kombination oder in Konflikt auftreten -, dann ist die Erfahrung nicht mehr angenehm.»13 Dawn of the Dead inszeniert die Besessenheit des Shoppings und die Mall-eigene Trance in meh­reren improvisierten, von Handlungszwängen entlasteten und weit gehend dia­logfreien Blöcken: beim Einschalten des Stroms (dem Zum-Leben-Erwecken der Mall), der Inbesitznahme der von LKWs versiegelten und von Zombies «gereinigten» Mall, schliesslich in den Bildern des Zombie-Status-quo/Zom- bie-Business-as-usual im Abspann. (Man könnte auch noch die Tortenattacken der Rocker auf die Zombies und das Lastwagen-vs.-Zombies-«Videospiel» von Roger dazuzählen.) Es ist immer hell in der Mall - der Geschäftsschluss ist auf­gehoben. Dass einem da schon mal der Kopf wegfliegen kann, ist nicht bruta­ler als jede andere Interpunktion auch. Dass Matt Blazi am Fusse der Startseite seiner DOTD Appreciation Page einen Link zum Wetterbericht in Monroe­ville, Pennsylvania, legt - mit allen Schikanen: Temperatur, Wind, Feuchtigkeit, Luftdruck, Mondphasen (huuuuh: klassische Zombies), Sonnenauf- und Unter­gang - zeigt, in welche Richtung es bei ihm gehen wird.

Die Monroeville Mall steckt in der Klemme. Ihre Geschichte darf sie nicht anderen überlassen. Die Programme dafür sind ausgegeben, die Aktivisten be­reit: «Wichtig ist, für bestimmte Center eine (anders lautende) Geschichte zu schreiben. Diese Aufgabe kann erstaunlich schwierig und zeitraubend sein. Die Geschichte des Shoppingcenters als <Form> [...] ist gewiss schon geschrieben worden, wenn auch in heroisierendem und geschwätzigem Tonfall. Bei meinen Untersuchungen habe ich allerdings herausgefunden, dass gewisse Anwohner zwar in der Lage sind, Geschichten zur Entstehung und zum Bau des Centers und dessen Auswirkungen auf ihr Leben zu erzählen, dass aber diejenigen Leute, die die Center leiten, [...] irritiert sind von der Vorstellung, dass aus­gerechnet ihr Shoppingcenter über eine Geschichte verfugen soll.»14 Auf der anderen Seite bleibt der Mall gar nichts anderes übrig.

Walk Like An Egyptian! («All the old paintings on the tombs / They do the sand dance don’t you know / If they move too quick [oh whey oh] / They’re falling down like a domino»15), «ln anatomischer Hinsicht ist der scheinbar einfachste Aspekt des Shoppings der wichtigste: die Frage, wie sich menschliche Wesen genau bewegen. Was in erster Linie heisst: wie wir gehen. [...] Kluges Laden­design ist darauf ausgerichtet, wie wir gehen und wie wir schauen.»16 Die Sek­tion, die sich für Matt Blazi mehr und mehr als das Grösste seiner Würdigungs­seite herausstellt, führt gleich zu Beginn das Sichwundern, das Bummeln und Stolpern in einem Wortspiel zusammen, das prima funktioniert, aber kein Englisch mehr ist. (Ist auch nicht so wichtig.) Der Neologismus «wonder the halls» leistet, wovon das neue Logo der Mall träumt (das Einzige, was sich bei ihr seit den Achtzigerjahren grundlegend geändert hat): Es weckt spielerisch Interesse für den Raum der Mall als Ausgangspunkt von Exkursionen. Auch und gerade imaginären Exkursionen. Lass dich sehen! Dass Matt das ganz wörtlich nimmt, ohne selbst auf einem seiner Fotos zu erscheinen - Fotos von ihm findet man in der Tatoo-Sektion («Son, I sure hope you are done marking your body?»17) -, macht zugleich den Unterschied aus. (Und natürlich sein Vorschlag für den Beobachterstandpunkt: Sei dein liebster untoter Bekannter.) Dass sich sein Slo­gan und der Slogan der Mall zu Beginn einer Sammlung von Fotos einmontiert finden in das einzige Bild - das Bild einer grossen Plattform, mit vielen Ge­schäften und einem grossen Loch in der Mitte -, das nicht von Matt, sondern aus Romeros Film stammt, macht deutlich, dass die nun folgende Bildproduk­tion sich zu Bildern verhält, die ihr vorausgehen. Sie als Absprungbrett nutzt, kommentiert. Das Mail-Logo ist damit nicht mehr zu gebrauchen. Was es um jeden Preis vermeiden wollte - die Verbindung mit Romeros Film -, schleppt es fortan als Anlage mit. (Wir können uns unser Einkäufen ab sofort ohne Pro­bleme als lebendig-tot vorstellen.) Das fremde Bild ist die neue Überschrift, das Zeichen für die Mall jetzt das Zeichen für Matt: MM, Matts Mall.

Auf den zuletzt 78 Fotos (ganz symbolisch: 78-mal ein Bild für den Film von 1978), die Matt von insgesamt fünf Feldforschungen in der Mall im Zeitraum von Juni 1999 bis November 2000 mitgebracht hat, ist meistens niemand oder so gut wie niemand zu sehen. (Was so stringent durchgehaltcn und angesichts der offiziellen Mall-Fotopolitik schon fast ein Kunststück ist.) Die Bilder sind hastig fotografiert, zum Teil unscharf und falsch belichtet; Matt muss schnell sein, der Film könnte ihm weggenommen werden. Sorgsam sortiert in neun Sektionen, simuliert deren Abfolge das interpretative Verfahren, eine Annähe­rung ins «Innere», in die Innereien, bis hin zur Zulieferung.18 Die letzten Bil­der gehören dem Mall-eigenen Kraftwerk; am Ende ist man wieder «draussen» bei der Energie. Auch wenn auf ihnen im herkömmlichen Sinne «nichts drauf» ist, sind Matts Fotos verblüffend präzise. Klickt man ein paar an, entsteht ein eigentümlicher Sog. «Es handelt sich um einen [...] mehr oder weniger spekta­kulären Kompromiss, der darin besteht, so zu tun, als ob das Gesehene rück­wirkend zu Nicht-Gesehenem wird, und zwar dank eines Anhaltens des Blicks [...] auf das Objekt, das zum Fetisch wird und das sich im Augenblick des inauguralen Blicks in der Nähe der grauenhaften Abwesenheit befand: genau daneben. Insgesamt betrachtet, wird der Ort des Mangels ausserhalb des Sicht­feldes, ins ausgeblendete Off verlegt und der Blick vom Subjekt auf etwas Be­nachbartes <eingestellt> [cadre]: Ausblenden [décadrage] und Wiedereinblenden [recadrage].»19 Die Amateur-Architekturfotos fetischisieren den zu sich hin verschobenen Filmschauplatz, als wären sie ein Pendant zu Cindy Shermans kanonisierten Untitled Film Stills («recognizing as our own something we would normally abject as <other>»20), und sie setzen eine Transkriptionsstrate­gie in Gang, die über die Auseinandersetzung mit der Logik des Ortes ein Ver­hältnis zu dem Film entwickelt, den man liebt. Die Mall von einem selbst ist nicht einfach mehr Background, sondern der eigentliche Protagonist. Das Phan­tasma ihrer Einheitlichkeit wird dabei 78-mal zu Gunsten der Möglichkeit eines anderen Anfangs einer Bildreihe bestritten. Was erzählt werden kann, ist alles andere als gegeben, unumstösslich vorstrukturiert. Was vor uns liegt - Matts Film-Stills - ist bestenfalls ein Teil eines Skeletts (eines Riesen-Spielsteins). Nicht die alte Shot Location wird dokumentiert - wie auch -, sondern das Selbstbewusstsein einer neuen. Die Shot Location für den eigenen Film. Diese Differenz wird ausgestellt.

Fanseiten mit Monroeville-Mall-Fotosektionen gibt es einige im Internet. Die Pionierseite ist livingdead.com von Chris The Greek - zurzeit im Umbau: «I’m gonna try to ... come back ... I’m gonna try» -, deren Mail-Sektion in einem «breakdown of the main mall locations» vier mittlerweile verschwun­dene beziehungsweise damals für den Dreh gebaute Räume des Films und fünf heute noch aufsuchbare Räume näher erläutert. Die Insider-Produktionsdetails - Chris ist der Bruder eines Statisten von Dawn of the Dead - werden dabei zur virtuellen Fan-Familiengeschichte: Letztlich haben wir alle mitgedreht. Und natürlich hat jeder von uns privat mit Zombies zu tun. Auf der Zombiefarm - Dawn of the Dead Preservation Page von Norman C. England - wird die Mon­roeville Mall dann auch, wenn man so will, für Anfänger, Fortgeschrittene und Kenner unterschiedlich präsentiert. Während The Mall noch in einer Art Tou- risten-Info-Mix aus Film- und eigenen Fotos erste Bewegungsspielräume aus­lotet,21 agieren die anderen beiden Sektionen zunehmend phantasmatischer, wobei der Akzent wie bei einem Suchspiel einmal auf der Bild-, einmal auf der Tonspur liegt: Virtual Mall schickt «those who cannot make the trip» in zwei Kartenräume. «When in one of the two map rooms (upper or lower) simply select any of the red dots on the map. You will then see a picture that corres­ponds to that location in the mall. [...] So ... select a level, turn the lights low, crack open an Iron City Beer, and enjoy a stroll through ... THE MONROE­VILLE MALL».22 Easy Listening liefert keine eigenen Bilder, aber zu den 13 Filmbildern die Original-Filmmusik: «Here’s where it all gets weird ... The place where you can sit back and listen to that grooovey music that has made the Monroeville Mall famous the world over. So ... turn the lights low, light the incense, let your courser glide over a photo and give that mouse button a gently click. Soon - after the file has loaded - you’re experiencing the audio psyche­delia of the mall! Wild man! Wild!!!»23 Das ist schon wild. (Auch wenn eigene Bilder hier noch einen draufgesetzt hätten.) Viel wilder noch ist aber die philo­logische Energie, mit der es der livingdead.com-Seite gelingt, die im Film ver­wendete Muzak zu identifizieren und als Liste ins Netz zu stellen.24 Was für Schnipsel, Samples, welche Stimmungsetiketten wo im Einzelnen verwendet werden, ist für Dawn of the Dead gut zu wissen, doppelt doch die ausgestellte Rückholung der Produktionsmusik in den Film die Repräsentation des virtuel­len Raums des Shoppings auf der Tonspur. Dass Produktionsmusik nicht ohne weiteres zu simulieren ist, zeigt im Film das Blaxploitationsstück Safari der italienischen Rockband Goblin (die für die Filmmusik zuständig ist), das dem Shopping im Waffenshop unterlegt ist und sich dabei so sehr in den Vorder­grund spielt, dass es eine Kommentarfunktion erhält, die es nicht einzulösen vermag. Wieso «Afrika»? «Kolonialismus» so dick? Mall-kol? Hintergrund­musik, die «production music», «ist kein fertiges Produkt. Sie ist Teil eines fer­tigen Produktes, das bewusst darauf angelegt ist, unvollständig zu sein. Es ist in der Hintergrundmusik gebräuchlich, einen Song von der Liste zu nehmen, wenn er zu leicht erkennbar und zu populär wird, weil er sonst die Zuhörer von dem Film, dem Stück oder der Werbung ablenken würde, die er unsichtbarer­weise unterstützen soll.»25

Die Mall glüht in der Nacht wie ein Juwel. Wir machen das Bier auf, das Licht wird langsam dunkel, es geht gleich los, viel Spass bei... GROSSBUCH­STABEN - auffällig bei der Art, wie die Mall auf den Seiten ihrer Fans in Szene gesetzt wird, ist die zitierte Vorführsituation des Kinos. (Vergessen wir nicht: «By 1980, to most Americans going to the movies meant going to the mall.»26) Was die Fans auf ihren Seiten zur Bewahrung und Wertschätzung des «besten Films aller Zeiten» anbieten, sind eigene Filme für Heimkinos, die sich zu­schalten. Filme, die sowohl über die Fans selbst wie über den geliebten Bezugs­film Auskunft geben. Anders gesagt, die Fans reagieren (eingebettet in äusserst detaillierte Faktensammlungen: Listen mit Produktionsdetails, Filmfassungen und ihren jeweiligen Unterschieden, Listen mit Fehlern, Stellen, Zitaten usw.) mit einer eigenen Bildproduktion und verschiedenen Hypertext-Verfahren auf die Bildproduktion von Dawn of the Dead. Sie liefern damit eine Lesart dieses Films - eine, die unter anderem mit dem «Phantasma» von Vollständigkeit und Geschlossenheit spielt, das für die Mall- wie die Wissenschaftslandschaft glei­chermassen charakteristisch ist. Matt ist 17, als er seine Seite einrichtet: «This is my site, its cool!»27 Er ist einer der Dilettanten im Umgang mit Film, vor denen uns die Filmwissenschaft immer gewarnt hat.

Aber was macht Matt schon? Ist es nicht ziemlich banal? Nichts auf Dauer? 1959/1960 in Kapitel VIII der Ethik der Psychoanalyse fährt Jacques Lacan an die Còte d’Azur, wie sie zwanzig Jahre früher war, und wird dort mit einem gigantischen Dominospiel konfrontiert: «In jener grossen Zeit der Strafen, die unser Land in der Ära Pétains durchlebt hat, in jener Zeit von Arbeit-Familie-Vaterland und Gürtel-enger-Schnallen machte ich einen Besuch bei meinem Freund Jacques Prévert in Saint-Paul-de-Vence. Und ich sah dort - ich weiss nicht, warum die Erinnerung daran wieder in meinem Gedächtnis heraufgestie­gen ist - eine Sammlung von Zündholzschachteln. Es war eine Sammlung, wie man sich es leisten konnte in jener Zeit, vielleicht war es sogar alles, was man zu sammeln hatte. Nur, die Zündholzschachteln präsentierten sich auf die fol­gende Weise - es waren alle die gleichen Schachteln, sehr gefällig angeordnet, nämlich so, dass eine jede Schachtel in die Nähe der nächsten gebracht war mit Hilfe einer leichten Verrückung des Innenschubers. Eine an die andere gereiht, ergab das gewissermassen ein zusammenhängendes Band, das die Einfassung des Kamins entlanglief, die Wand hochstieg, deren oberen Rand berührte und dann einer Tür entlang wieder herunterkam. Ich sage nicht, dass es bis ins Un­endliche weiterging, aber es war unendlich befriedigend von einem ornamenta­len Gesichtspunkt aus.»28

Fetischisierung und Sublimierung schieben sich an dieser Stelle ineinander: ein Gegenstand wird durch Wiederholung zur Würde des «Dings» erhöht. Das in der Sublimation (beim Sammeln) entstehende «Ding» hat keinen Gebrauchs­wert; es ist «gleichsam absurd»: «Das vollkommen Willkürliche, Wuchernde, Überflüssige, gleichsam Absurde dieser Sammlung zielte in der Tat auf ihre Dinghaftigkeit als Zündholzschachtel.»29 Auf ihre «Dingität» (David Martyn). Die Sammlungen von Jacques Prévert und Matt Blazi haben einiges gemeinsam, nicht zuletzt die Ausstellung der von ihnen in «ihr Ding» investierten Zeit. Die Ausstellung des Verweilens in dem Bild, das man generiert. Die Fähigkeit, nicht locker zu lassen.

Postscript 1: Mitte des Jahres 2001 tauchen neue Monroeville-Mall-Seiten im Internet auf. Die Firma Interactive Media System installiert in der Mall ein inter­aktives Kiosksystem,30 man kann sich Kameraschwenks durch die Mall und über ihren Parkplatz (und immer vorbei an einem MM-Logo-Stand) herunter­laden. «Application solution provider» übernehmen (zeitweise alte) Links, die auf Dawn of the Dead verweisen. Die Monroeville Mall lässt erste DOTD- Führungen zu. Im August lässt Matt Blazi seine DOTD Appreciation Page un­bemannt zurück: «AugustIst, 2001. WGONZombieWatch.com has risen and unfortunately this page has become one of the deceased and deserted websites of the internet.»31 Die neue Seite verfügt über einen Monroeville-Kartenraum; ihr Akzent liegt aber auf der Vernetzung der Fans, die als Korrespondenten aus allen Feilen Amerikas vom Vormarsch der Zombies berichten. «Always re­member ... When there’s no more room in HELL, cowboys will walk the EARTH. »32

Postscript 2: Die Schweizer Fassung von Dawn of the Dead Zombies im Kauf­haus fügt dem Film je nach Ausgangsversion 16 bis 30 Minuten zusätzliches Material hinzu und kommt auf insgesamt 156 Minuten Spielzeit.33 Wer leiht mir den Film?

Matt Blazi, DOTD Appreciation Page, http://members.aol.com/monrozombi.

Matt Blazi, «Acknowledgements: My girl­friend Pam», in: Blazi (wie Anm. i), http:// mcmbers.aol.com/monrozombi/ack.html.

William Severini Kowinski, The Mailing of America: An Inside Took at the Great Con­sumer Paradise, New York 1985, S. 375 f.

George Romero, «Dawn of the Dead: The Working Draft 1977», in: Neil Fawcett, Home- page of the Head, http://www.homepageofthc- dead.com.

Paul Willemen: «Through the Glass Dark­ly: Cinephilia Reconsidered», in: Looks and Frictions: Essays in Cultural Studies and Film Theory, London 1994, S. 239 (Übers, d. Red.).

John Fiske, «The Cultural Economy of Fandom», in: Lisa A. Lewis (Hg.), Adoring Audiences: Fan Culture and Popular Media, London / New York 1992, S. 46.

Paul Gagne, The Zombies That Ate Pitts­burgh: The Films of George A. Romero, New York 1987, S. 91 (Übers, d. Red.).

«For any DOTH fan, even with the chan­ges, a trip to the mall is something you ought to consider. It is like stepping into a dream; or more realistically, it is like being able to walk onto the set of a favorite film and wander around unabated. At best, it can be described as odd. Odd, that is to say, to stand on the very spot where, for example, Tom Savini lopped of the zombie woman’s head in front of the ice rink (now, The Food Pavilion), or to stand on the very spot where Roger was buried. [...] While much has changed over the years, [...] there are still many locations that can not be removed. Things can be redone, store facades can change, but the basic skeleton [the domino R.H.] is the same. This location is something DOTO fans have that almost no other fans of film have.» Norman C. England, «Monroeville Mall», in: The Zombie Farm, http://www2. gol.com/users/noman/monroe.htm.

Meaghan Morris, «Things to Do With Shopping Centres», in: Simon During (Hg.), The Cultural Studies Reader, London I New York 1993, S. 304 (Übers, d. Red.).

Margaret Morse, «An Ontology of Every­day Distraction: The Freeway, the Mall, and Television», in: Virtualities: Television, Media Art, and Cybcrculture, Bloomington / Indiana­polis 1998, S. 102 (Übers, d. Red.).

John Fiske, «Shoppingfor Pleasure: Malls, Power, and Resistance», in: Diana George I John Trimbur, Reading Culture: Contexts for Critical Reading and Writing, New York 1999, S. 258.

Kowinski (wie Anm. 3), S. 339 (Übers, d. Red.).

Ebd., S. 339 ff. (Übers, d. Red.).

Morris (wie Anm. 9), S. 304 (Übers, d. Red.).

The Bangles, «Walk Like an Egyptian», auf: Different Light, Sony/Columbia 1986.

Paco Underhill, Why We Buy: The Science of Shopping, London / New York 2000, S. 75 f. (Übers, d. Red.).

Phyllis (Your Mom), «01/05/2000: guest­book», in: Blazi (wie Anm. 1).

On the way to the Mall (8); The Grounds of Monroeville Mall (19); The Interior (23); The Hallway (10); J.C. Penny’s (5); Lazarus and Kaufmans (3); Loading Docks (2); Mall Access Road (5); Power Station (3).

Christian Metz, «Foto, Fetisch», in: Hu­bertus von Amelunxen (Hg.), Theorie der Foto­grafie IV: 1980-1995, München 2000, S. 350.

Kaja Silverman, The Threshold of the Vi­sible World, New York / London 1996, S. 224.

«I always wondered where that hill led to before going to the mall. In the film, it seems to curve to the left and continue. I was surprised to find that just after the curve it ends abruptly, cut off by a street (James Street) that runs per­pendicular. A walk up there at night is serene (if not a little spooky). In the summer, bats flap about, looping the high street lamps, traffic is minimal, and the mall sits below like a giant glowing jewel. It’s an unforgettable sight» England (wie Anm. 8), http://www2.gol.com/ users/noman/monroe.htm.

England (wie Anm. 8), http://www2.gol.com/uscrs/noman/...

England (wie Anm. 8), http://www2.gol.com/users/noman/...

«AT LAST! After 20 years of obscurity, the Dawn of the Dead cue sheets - detailing which DeWolfe library tracks were selected by George Romero for use in the film - have sur­faced. Thanks to the dedication of Dawn fan Patrick Doody and Music Supervisor Llyswcn Vaughan and the assistance of DeWolfe ’s New York manager Mitchel Greenspan, the mystery is no more. Listed below are the 58 cues licensed for inclusion in Dawn. The DeWolfe library remains the world’s leader in produc­tion music; as such all the cues listed here arc still available for license.» Chris Stavrakis, Li- vingDead.Com, http://www.livingdcad.com/ Dawn/dncue.html#dwl.

Joseph Lanza, Elevator Music: A Surreal History of Muzak, Easy-Listening, and Other Moodsong, New York 1994, S. 63 f. (Übers, d. Red.).

Douglas Gomery, Shared Pleasures: A History of Movie Presentation in the United States, Madison (Wisconsin) 1992, S. 93.

Blazi, «01/06/1999: guestbook», in: Blazi (wie Anm. 1).

Jacques Lacan, «Das Problem der Subli­mierung: Vili: Das Objekt und das Ding», in: Die Ethik der Psychoanalyse: Das Seminar von Jacques Lacan. Puch VI 1 (1959-1960), Texther­stellung durch Jacques-Alain Miller, übers, von Norbert Haas, Weinheim/Berlin 1996, S. 141.

Ebd.

Blazi (wie Anm. 1).

Matt Blazi, V/GONZombieV/atch, http:// www.wgonzombiewatch.com/index.2....

33 Zombies im Kaufhaus, Atlantis 9708-D [Bootleg von Astro NF 344404-VIJ, http:// members.tripod.com/tamarchive/dawnstuff. htm.

Rembert Hüser
HbK Braunschweig, arbeitet zu Western und zum Hollywood­-Filmvorspann.
(Stand: 2018)
[© cinemabuch – seit über 60 Jahren mit Beiträgen zum Schweizer Film  ]