LAURA WALDE

MARIJA (MICHAEL KOCH)

SELECTION CINEMA

Am Anfang läuft sie in strammen Schritten vor dem beobachtenden Blick der Kamera weg. Marija (Margarita Breitkreiz) ist, wie so viele andere aus dem Osten – in ihrem Fall aus der Ukraine –, nach Deutschland gekommen, um da ein besseres Leben zu finden. Dafür putzt sie für vier Euro die Stunde in einem Dortmunder Hotel und träumt dabei vom eigenen Friseursalon. Nachdem sie die Stelle als Reinigungskraft verliert, ist sie aus ihrer finan­ziellen Not heraus und in ihrer Verbissenheit, den Traum vom eigenen Geschäft zu realisieren, dazu bereit, sich in noch viel höherem Masse ausbeuten zu lassen: Ihren Körper, ihre Sprachkenntnisse, ihre Freundschaften, sogar ihre Beziehungen kommerzialisiert sie.

Der beobachtende Blick der Kamera, der Marija unermüdlich folgt, auch wenn sie sich ihm scheinbar entziehen will, ist eine der Stärken von Michael Kochs erstem Langspielfilm. Gemeinsam mit der Autorin Juliane Grossheim hat Koch das Drehbuch nach intensiven Recherchen im Immigrantenmilieu im Norden Deutschlands geschrieben. Dieser quasi-dokumentarische Ansatz wird visuell gekonnt in Szene gesetzt: Marijas Entschlossenheit wird sowohl in Margarita Breitkreiz’ verbissener Mimik wie auch in den langen Einstellungen, in denen die Kamera starr auf ebendieses Mienenspiel gerichtet ist, zum Ausdruck gebracht.

Die Zeiten, in denen man den Namen Michael Koch mit seiner Schauspielrolle in Achtung, fertig, Charlie! (Mike Eschmann, CH 2003) in Verbindung gebracht hat, sind definitiv vorbei. Während seiner Ausbildung an der Kunsthochschule für Medien in Köln hat der Schweizer unter anderem die vielfach preisgekrönten Kurzfilme Wir sind dir treu (2005), Beckenrand (2006) und Polar (2008) gedreht, nun legt er mit Marija ein Langfilmdebüt vor, das inhaltlich prägnant und formal durchdacht ist. Wie Koch selbst sagt, gehört er zu einer Generation junger Schweizer Filmemacher – dazu gehören auch Nicolas Steiner, Tobias Nölle, Basil da Cunha oder Andy Herzog und Matthias Günter (Wintergast, CH 2015) –, die keine Angst vor schwierigen Themen und formaler Strenge haben. Das gefällt vielleicht nicht jedem oder jeder, hat aber eine Konsequenz, die beeindruckt und – im Falle des Kreis­laufs von Ausbeuten und Ausgebeutetwerden, den Marija zum Thema hat – durchaus auch inszenatorisch Sinn macht.

Ganz am Ende läuft Marija mit entschlossenem Schritt auf die Kamera zu. Die Klammer wird geschlossen: Ihr Ziel hat sie erreicht, dafür aber einen teuren Preis bezahlt.

Laura Walde
*1988, hat Filmwissenschaft und Anglistik an der Universität Zürich studiert. Seit 2013 ist sie als Programmer für die Internationalen Kurzfilmtage Winterthur tätig. Ihre Masterarbeit verfasste sie zum Thema Curating and/or Programming: An Attempt at Conceptualization in the Context of the Short Film Festival. Nach dreijähriger Tätigkeit als Co-Leiterin der Schwei­zer Jugendfilmtage doktoriert sie ab Oktober 2017 innerhalb des Forschungsprojekts ‹Exhibiting Film: Challenges of Format› an der Universität Zürich. Sie ist seit 2017 Mitglied der CINEMA-Redaktion.
(Stand: 2019)
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