VALENTINA ZINGG

DIDI CONTRACTOR – MARRYING THE EARTH TO THE BUILDING (STEFFI GIARACUNI, 2017)

«There’s no pretence in a mud house, it is what it is.» Monisha Mukundan sitzt in einem warm beleuchteten Raum eines Lehmhauses. Es ist ihr Lehmhaus, Monisha’s House, mit zwei Zimmern und natürlichen Lichtquellen. Gestaltet wurde es von Didi Contractor. Monisha meint in einer Interviewsequenz mit der Regisseurin Steffi Giaracuni, dass es in einem Lehmhaus keine Vortäuschung gäbe. Monisha ist Schriftstellerin und so ganz nebenbei scheint sie das Geheimnis der Architektin Didi Contractor zu enthüllen: Lehm täuscht nichts vor. Auch Giaracunis Filmsprache greift diese Idee auf. Gerahmt wird diese Interviewsequenz nämlich von Einstellungen, die Standbildern einer Diashow ähneln. Nur vorbeiziehende Vögel lassen erahnen, dass es sich um mehr als nur aneinandergereihte Fotografien handelt. Entsprechend der schlichten Lehmbauten der Protagonistin übt auch die Filmsprache keine Vortäuschung, keinen Exzess.

Giaracunis Dokumentarfilmdebüt Didi Contractor – Marrying the Earth to the Building ist eine essayistische Hommage auf die 86-jährige amerikanische Architektin. Bereits der Titel verweist auf ihre Kreation eines Gesamtkunstwerkes in Nordindien. Beeinflusst von der Bauhaus-Bewegung gestaltet Didi Contractor dort seit zwanzig Jahren Lehmhäuser im europäisch-amerikanischen Stil. Interviewsequenzen verbinden Didi Contractors architekturästhetische Überlegungen mit dem Gedankengut der Rückbesinnung. Zurück zu natürlichen Baumaterialien. Lehm zum Beispiel. Oder Flussstein aus der nahen Quelle. Szenen der Gewinnung und Verarbeitung von Naturmaterialien werden gezeigt. Mit einer ruhigen Hand beobachtet die Kamerafrau Maria Rank die Geschehnisse rund um die Lehmhäuser. Bevorzugt werden statische Einstellungen, die in ihrer essayistischen Einfachheit durch schlichte indische Trommelmusik unterstützt werden. Anhand solcher Aufnahmen baut Giaracuni ein filmisches Gerüst aus Materialgewinnungs- und Baudokumentation, das Raum für erklärende Interviewsequenzen bietet.

Einstellungen mit starkem Kontrast zeigen Zimmer mit Aussicht auf die Natur. Dunkel sind die Lehmmauern, die die Bilder rahmen. Hell ist die Natur draussen. Es wird eine klassische Gegenlichtsituation gezeigt. Der beleuchtete Fokus liegt auf der Natur, dem Ursprung der Bauten. Didi Contractor – Marrying the Earth to the Building assoziiert Didi Contractors Bauten bildhaft mit der sie umgebenden Natur. Diese im Titel erwähnte Vermählung zwischen Erde und Bauwerk wird zum Programm des Dokumentarfilms. Ähnlich des Topos eines «locus amoenus», eines lieblichen Ortes, dessen Natur idealisiert dargestellt wird, werden Didis Bauwerke in eine idealisierende Naturbeschreibung eingebettet und dadurch assoziativ und essayistisch mit ihr vermählt.
Valentina Zingg
*1989, studierte Englische Sprach- und Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Filmwissenschaft in Zürich und Rom. Masterarbeit zum Thema Avantgarde- und Essayfilm. Seit 2013 Teammitglied der Internationalen Kurzfilmtage Winterthur und seit 2017 Redaktionsmitglied des Schweizer Filmjahrbuchs CINEMA. Arbeitet als Filmproduzentin in Zürich.
(Stand: 0)
[© cinemabuch – seit über 60 Jahren mit Beiträgen zum Schweizer Film  ]