DOMINIC SCHMID

WILLKOMMEN IN DER SCHWEIZ (SABINE GISIGER)

Wohl kaum ein Thema polarisiert in der Schweiz gerade so sehr, wie die Frage nach dem angemessenen Umgang mit der grossen Anzahl an Menschen, die sich zurzeit auf der Flucht vor Kriegen und anderen Unzumutbarkeiten befinden. Einen vorläufigen Höhepunkt fand die Debatte im Fall der Gemeinde Oberwil-Lieli: Unter der Leitung ihres SVP-Gemeindepräsidenten Andreas Glarner zogen es die Einwohner nämlich vor, sich mit 300'000 Franken von der Pflicht freizukaufen, zehn Flüchtlinge in ihrer Aargauer Gemeinde aufzunehmen. Regisseurin und Historikerin Sabine Gisiger nahm den Vorfall zum Anlass, einen Dokumentarfilm zu diesen aktuellen Vorkommnissen und Fragen zu drehen und dabei gleichzeitig ein filmisches Licht auf die Geschichte eines Landes zu werfen, das sich seiner grossen humanitären Tradition lobt, diese mit problematischen (direkt-)demokratischen Akten aber immer wieder selbst untergräbt.
 
Ausgehend von der hitzigen Debatte an der Gemeindeversammlung von Oberwil-Lieli entwickelt Gisiger in Willkommen in der Schweiz das Bild einer Gesellschaft, in der das dominanteste aller Gefühle offenbar die Angst ist: Die Angst, dass das kleine helvetische Biotop unter zu viel «fremdem» Einfluss aus dem Gleichgeweicht geraten könnte, dass es mit dem vorgeblich harten, selbst erarbeiteten Wohlstand bald zu Ende sein könnte, wenn man zu vielen Menschen, «die hier nicht hingehören», die Türen öffnet. Was Sabine Gisiger in diesem Film zu entwerfen gelingt, ist ein neutraler Blick von innen heraus, der beide Seiten der Debatte ernst nimmt und sogar eine Figur wie Andreas Glarner in einem besseren Licht dastehen lässt, als er es mit seinen Überzeugungen und Argumentationen wohl eigentlich verdient hätte.
 
Ein Thema, dem kaum jemand neutral gegenübersteht, wird hier also mit dem kühlen Blick einer Historikerin betrachtet. Aktuelle Diskussionen und Äusserungen werden in einen Bezug zur jüngeren Geschichte der Schweiz gesetzt – zur Abweisung der jüdischen Flüchtlinge an der Grenze während des Zweiten Weltkrieges etwa, oder zur Schwarzenbach-Initiative in den 1970ern – so dass deutlich wird, dass das Humanitäre bei weitem nicht das einzige ist, das in der Schweiz in diesem Kontext Tradition hat. Dass der Film formal nicht weiter bemerkenswert daherkommt – kurze musikalische Intermezzos mit multikulturellen A-capella-Chören, die verschiedene Volkslieder darbieten, sind das einzige, das in dieser Hinsicht heraussticht – vergibt man ihm eben dank diesem angenehm unaufgeregten Blick, von dem sich kaum eine Seite unfair angegriffen fühlen dürfte und deshalb auch beide ansprechen kann. Wie in Oberwil-Lieli, wo zum Schluss dann doch drei Flüchtlinge aufgenommen und eine grössere Spende an ein Auffanglager in der betroffenen Gegend überwiesen wurde, wird der Film in seiner Ausgewogenheit auch zu einer Art Kompromiss. Auch der hat in der Schweiz Tradition.
Dominic Schmid
*1983 in Solothurn, Studium der Japanologie, Filmwissenschaft, Politikwissenschaft und Phi­losophie in Zürich und Lausanne. Daneben Tätigkeit als Kinooperateur und Video­thekar. 2003–2009 Vorstandsmitglied und Prä­sidium der Filmgilde Biel. Zurzeit Master Filmwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Seit 2013 Redaktionsmitglied von CINEMA.
(Stand: 2017)
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