SIMON MEIER

DIE WELT DER WUNDERLICHS (DANI LEVY)

Mannheim: Mimi ist eine alleinerziehende Mutter eines hyperaktiven Sohnes und lebt in einer Sozialwohnung. Ihren Jugendtraum einer Karriere als Sängerin hat sie längst begraben. Neben Sohn Felix muss sie sich auch noch mit ihrem spielsüchtigen Vater, ihrer depressiven Mutter, ihrer selbstsüchtigen Schwester und ihrem manischen Ex-Mann, einem Möchtegern Rock-Star, herumschlagen. Felix meldet sie heimlich bei einer Schweizer Casting-Show an. Da die Sendung die Lösung für die sich anhäufenden Familienschulden sein könnte, macht sich die ganze Sippe auf nach Zürich.
 
Ganz in der Tradition der amerikanischen Screwball-Comedy erzählt Dani Levys in Die Welt der Wunderlichs die Geschichte einer exzentrischen, überdrehten Familie, die sich fast permanent streitet und durch die Casting-Show die Möglichkeit zum Ausbruch aus der ungeliebten, einengenden Realität erhält. Mit viel Situationskomik und hohem Erzähltempo hangelt sich der Film von einem Regelbruch zum nächsten und bedient damit eine absurde Komik, die zwischen Farce und Klamauk pendelt: Sohn Felix schliesst seine Lehrerin im Schrank ein und verhöhnt sie mit affenartigen Lauten; Mimis Vater verspielt, das von ihr entwendete Geld sowie Felix Spielkonsole bei Pferdewetten; die Manipulation eines Getränkeautomaten artet zu einer sich verselbständigenden Alberei aus und dann ist da noch der seltsame, wohlhabende Nico, der Mimi ohne sie zu kennen verfolgt und verführen will.
 
Levy versucht sich nach Alles auf Zucker! (2004) wieder an einer Familienkomödie, wobei Die Welt der Wunderlichs durch seinen oft wirren Charakter auffällt, in der die überdrehten, narzisstischen Figuren permanent aufeinanderprallen, sich wenig später kurzzeitig versöhnen und dann wieder verkrachen. Als die Familie nach zahlreichen, selbstfabrizierten Hindernissen dann doch noch in Zürich bei der Casting Show «Second Chance» ankommt, wird klar, dass die Wunderlichs auch schon vorher wie Möchtegern-Superstars agiert haben und die Show als perfekte Analogie für die übersteigerte, energieraubende Selbstbezogenheit der Wunderlichs fungiert, der Mimi während des Filmes immer wieder vergebens zu entfliehen versucht.
 
Levy gelingt eine kurzweilige, witzige, aber teils auch etwas platt geratene Komödie, die ihr Potential zur Gesellschaftssatire zu wenig konsequent ausnutzt. Christiane Paul als narzisstische Schwester und Martin Feifel als manischer Ex-Mann mit Keith Richards-Allüren erhielten Nominationen als beste Nebendarsteller für den Deutschen Filmpreis.
Simon Meier
*1986, Studium der Ethnologie, Filmwissenschaft und Kunstgeschichte. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitete von 2007–2013 als Videotheksassistent am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Er lebt in Zürich. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2017)
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