SENTA VAN DE WEETERING

FAMILIENBRUCHSTÜCK (NATALIE PFISTER)

Den Kern von Familienbruchstück bildet eine sehr private Geschichte: Die Familie Hoffmann – Mutter, Vater, Sohn und Tochter – fiel im Jahr 2007 auseinander; der Vater zog aus, Sohn und Tochter blieben bei der Mutter. Vorangegangen war eine neue Liebe des Vaters, lange Auseinandersetzungen zwischen dem Paar, eine Ehetherapie und schliesslich der Entschluss der Eltern zur Trennung. Man könnte die Geschichte vom ausserehelichen Verhältnis bis zur Scheidung, von der Bezogenheit der Eltern auf sich selbst bis hin zur Reaktion der Kinder fast schon prototypisch nennen. Aber natürlich ist auch jede Geschichte einzigartig, durch die Umstände so gut wie durch die Personen, die sie erleben.
 
Ungewöhnlich ist die Bereitschaft der Familie, in diesen langen filmischen Prozess einzusteigen. In einem ersten Schritt haben alle vier der Regisseurin in Einzelgesprächen ihre Erinnerungen an die Geschehnisse, ihre Gefühle und ihre Einschätzungen erzählt. Die Trennung liegt da schon einige Jahre zurück, man merkt, dass bereits eine Phase der Reflexion eingesetzt hat. Diese Gespräche zeigt «Familienbruchstück» jedoch nicht eins zu eins, denn die Regisseurin wollte in ihrem Abschlussfilm der Zürcher Hochschule der Künste nicht einfach Rückblick auf ein persönliches Drama zeigen. Stattdessen ging sie von den ersten Tonaufnahmen bis zu ihrem Film einen weiten Weg: Sie inszenierte die Erzählungen mit vier Schauspielern und spielte das Resultat anschliessend der Familie vor. Diesmal war die Kamera dabei und so werden wir als Zuschauer Zeugen von deren unmittelbaren Reaktion auf das, was sie sehen und hören.
 
Dank dieser zusätzlichen Reflexionsebene gelingt es Natalie Pfister, die Geschichte aus ihrem privaten Rahmen zu heben. Ursprünglich habe sie interessiert, wie unterschiedlich verschiedene Menschen die gleiche Situation wahrnehmen, sagt die Regisseurin. Es gibt Momente, in denen dies durchschimmert: Was der eine meint, schon hundert Mal gesagt zu haben, hört die andere zum ersten Mal. Im grossen Ganzen jedoch sind die Unterschiede in der Wahrnehmung beziehungsweise Erinnerung kleiner als erwartet. Dennoch sind diese Brüche kleiner als erwartet. So ist Familienbruchstück dank der klugen Versuchsanordnung ein eindrücklicher Film über Menschen geworden, die darum kämpfen, sich Klarheit über ihre Gefühle zu verschaffen.
Senta Van De Weetering
1966* Filmwissenschaftlerin und Germanistin. Arbeitete als Journalistin, Redaktorin, Moderatorin und Texterin. Heute ist sie freischaffende Journalistin und Kommunikationsfachfrau, im Team der Kurzfilmtage Winterthur engagiert und für das Marketing im Programmkino Xenix (Zürich) zuständig.
(Stand: 2017)
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