SENTA VAN DE WEETERING

SEA WITHOUT SHORE (ANDRÉ SEMENZA, FERNANDA LIPPI)

Der Tanzfilm Sea without Shore handelt von Liebe und Verzweiflung, ausschliesslich und kompromisslos. Es geht um Gefühle, so radikal, dass daneben keine Handlung mehr Platz hat. Das Setting ist eine schwedische Landschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert, das Geschehen rasch erzählt: Eine Frau hat eine andere geliebt und die Geliebte verloren. Der Verlust stürzt sie in eine dem Wahnsinn nahen Verzweiflung. Es tanzen Livia Rangel, die Choreografin Fernanda Lippi und die Kamera von Marcus Waterloo, die einen eigenen Willen zu besitzen scheint. Die pure Schönheit seiner Bilder und die Eleganz, mit der sie sich durch die Landschaft und um die Körper bewegt, machen den Film zu einem Ereignis.
 
Sea without Shore ist nicht das erste Projekt, dass das internationale Paar André Semanza – Schweizer mit italienischen und schwedischen Wurzeln – und die Brasilianerin Fernanda Lippi gemeinsam entwickelt hat. Sie haben die Tanztheater-Company Zikzira gegründet und bereits 2003 mit dem Tanzfilm Ashes of God auf sich aufmerksam gemacht. In ihrem neuen Film sind neben der Musik des Hafler Trios Gedichte und Gedichtfragmente über lesbische Liebe aus dem 17. und dem 19. Jahrhundert zu hören, ins Schwedische übertragen und mit den englischen Originaltexten untertitelt. Durch die Entscheidung für die schwedische Sprache erhalten die Untertitel grosses Gewicht, was in diesem Fall ein Nachteil ist, denn sie lenken vom Bild ab. Die Kostüme sind an das 19. Jahrhundert angelehnt. Lange Röcke und viel Spitzen, ehemals wertvoll, nun schmutzig, zerrissen und am Zerfallen, entheben das Geschehen jeder realistischen Ebene, was Sinn macht, denn alltagstauglich ist eine solche Liebe in ihrer Absolutheit nicht, weder in glücklichen Momenten noch in der Verzweiflung.
 
Sea without Shore braucht die grosse Leinwand, damit er seine Wirkung entfalten kann. Der radikale Film verlangt vom Zuschauer eine radikale Antwort. Man kann sich von ihm ganz und gar überwältigen lassen oder man tut es nicht. Bleibt man aussen vor, so gibt es nur eine Empfehlung: Den Kinosaal verlassen. Lässt man sich hineinziehen, erwarten einen magische eineinhalb Stunden.
Senta Van De Weetering
1966* Filmwissenschaftlerin und Germanistin. Arbeitete als Journalistin, Redaktorin, Moderatorin und Texterin. Heute ist sie freischaffende Journalistin und Kommunikationsfachfrau, im Team der Kurzfilmtage Winterthur engagiert und für das Marketing im Programmkino Xenix (Zürich) zuständig.
(Stand: 2017)
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