ANITA GERTISER

YES NO MAYBE (KASPAR KASICS)

Die Leinwand ist noch schwarz. «Hallo!», «Hello?» ertönt es auf der anderen Seite. Dann erscheint ein sympathisches Paar, grüsst lächelnd, neugierig. Yes No Maybe beginnt mit der Kontaktaufnahme. Der Dokumentarfilmer Kaspar Kasics hat ein ideales Paar gesucht, mit dem er das Geheimnis der Liebe ergründen kann. Hannah und Samuel Robertson, beide Musiker, arbeiten nicht nur zusammen. Vielmehr leben sie ihre Beziehung sehr bewusst und thematisieren sich und ihr Zusammensein auch in ihren Liedern. Diese Lieder begleiten den Film. Ganz anders beim zweiten Paar. Peter Mäder und Tanja Jurijwna Voronyaska sind beide schon älter und haben sich übers Internet kennen gelernt. Er sucht seit Jahren nach der «richtigen» Frau, hat etliche schmerzliche Enttäuschungen hinter sich. Nun wartet er angespannt und doch voller Zuversicht auf Tanja. Er besucht sie das erste Mal auf der Krim, verbringt die ersten Tage mit ihr. Was, wenn er wieder enttäuscht wird?
 
Ist Peter ein hoffnungsloser Romantiker? Ist das Konzept Liebe überhaupt noch zeitgemäss? Die romantische Liebe, obwohl sie alle suchen, scheint ein Auslaufmodell, erklärt der Philosoph und Soziologe Sven Hillenkamp nüchtern analysierend. In seinem Buch Das Ende der Liebe vertritt er die These, dass in der modernen Welt jeder, jede unendliche Wahlmöglichkeiten hat, was die Partner austauschbar macht und die Liebe erschwert. Dem widerspricht Eva Illouz, israelisch-französische Soziologin, kaum. Mit der Liebe sei es wie mit einem Stern, der längst erloschen ist, während wir immer noch sein Licht sehen. Folglich würden wir die Reflexion des Lichts mit dem Objekt Stern verwechseln. Illouz beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den verschiedenen Aspekten der Liebe, hat zahlreiche Bücher über die wichtigste Beziehung zwischen den Menschen geschrieben. Die Statements der beiden Theoretiker bilden einen Reflexionsraum, in dem sich die Paare bewegen. Immer wieder schneidet der Film von einer Aussage auf eines der Paare, die zum Teil das Gesagte bestärken oder in ihrer Zuversicht unterlaufen. Die Relation zwischen Theorie und gelebter Beziehung verleiht der Erkundung eine zusätzliche Dimension und Dichte.
 
Auch die Kamera pendelt zwischen dokumentarischer Distanz und komplizenhafter Nähe. Eine Nähe, die beim Publikum Befangenheit auslösen könnte. Doch im Film wirkt sie nicht aufdringlich. Im Gegenteil, je länger der Film dauert, desto natürlicher bewegt sie sich zwischen ihnen. Sie wird zu einem Teil, als ob die Paare selbst mit ihr ihre Beziehung, ihre Erwartungen ergründen wollten. Dabei steht für einmal nicht die Erotik oder Sexualität im Zentrum, sondern das unsichtbare Band, das uns zusammenhält, selbst wenn wir streiten. Steckt dahinter das Geheimnis der Liebe? Das muss jeder, jede für sich beantworten – zumindest regt Kasics’ Film die Gedanken an.

Anita Gertiser
Dr. phil., Filmwissenschaftlerin und Dozentin für Kommunikation und Kultur an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Mitarbeiterin im SNF-Forschungsprojekt: Ansichten und Einstellungen: Zur Geschichte des dokumentarischen Films in der Schweiz 1896–1964 des Seminars für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Dissertation: Falsche Scham: Strategien der Über­zeugung in Aufklärungsfilmen zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten 1915–1935 (2009). Seit 2007 Mitglied der CINEMA-Redaktion.
(Stand: 2017)
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