THOMAS HUNZIKER

PATCH (GERD GOCKELL)

SELECTION CINEMA

Als der Animationsfilm zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch lediglich durch Zeichentrick oder Stop-Motion entstand, war die Technik in der Regel leicht erkennbar. Aber spätestens seit der immer stärker fortschreitenden Digitalisierung lässt sich oft kaum mehr feststellen, wie die Bilder nun wirklich bewegt werden. Da kehrt Gerd Gockell in seinem experimentellen Kurzfilm Patch sozusagen zu den Anfängen der Animation zurück und belebt tatsächlich die Leinwand.

Zu Beginn zeigt Gockell einzig die Entstehung von kleinen bemalten Leinwänden in Zeitrafferaufnahmen. Die Einzelbildmontage entsteht entweder durch Weglassen von Bildern oder nachträglich durch Manipulation der Kamera. Schwarze und weisse Leinwände entstehen und flackern anschliessend abwechselnd und in veränderter Abfolge über das Bild. Dann werden die Leinwände an einer Wand zu einer Art «Bildschirm» zusammengefügt. Immer mehr dieser kleinen Flecken bilden eine Fläche, auf der sich verschiedene Muster ablösen. Plötzlich scheint eine Figur durch das Bild zu rennen – oder ist die Figur nur ein Produkt der Einbildung? Ein Hund überholt die Figur, dann ein Pferd. Auf der Tonspur wird an dieser Stelle die pulsierende Musik durch eine den Bildern entsprechende Tonkulisse ergänzt. Ein Elefant geht in die andere Richtung; von einem zweiten, entgegenkommenden Elefanten wird die laufende Figur schliesslich unsanft gestoppt. Noch mehr Elefanten marschieren über die Leinwand. Je kleiner die einzelnen, den Bildschirm bildenden Leinwände sind, umso deutlicher lassen sich die Gestalten erkennen.

Regisseur Gerd Gockell, der seit 1992 mit Lehraufträgen an diversen Kunsthochschulen unterrichtet und 2002–2012 Leiter des Studienbereichs Animation an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Luzern war, de- und rekonstruiert in seinem Werk eindrücklich, wie der Eindruck von einem bewegten Bild entsteht. Gockell veranschaulicht den Weg vom abstraktem Einzelbild über die sorgfältige Kombination von zahlreichen Pixeln zu einer Illusion von echten Bewegungsabläufen.

Als dann am Ende die Leinwände immer kleiner werden, leitet Gockell durch die Darstellung der Einfahrt einer Lokomotive eine Rückkehr ganz zu den Ursprüngen des Filmgeschichte her: Mit der Abbildung einer Szene aus L’arrivée d’un train en gare de La Ciotat der Brüder Auguste und Louis Lumière (F 1885) kennzeichnet Gockell sein verblüffendes Flick­werk als Hommage an die Erfindung des Films. Am Festival International du Film d’Animation in Annecy wurde Patch mit dem Prix du Jury ausgezeichnet.

Thomas Hunziker
*1975, Studium der Filmwissenschaft, Anglistik und Geschichte an der Universität Zürich. Er betreibt das Filmtagebuch filmsprung.ch, arbeitet als freier Mitarbeiter für cineman.ch und befindet sich in der Ausbildung zum MTRA. Sein Heimkino befindet sich in Schaffhausen.
(Stand: 2017)
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