DORIS SENN

VON HEUTE AUF MORGEN (FRANK MATTER)

SELECTION CINEMA

«Wie lang sitzt du wohl noch da?», fragt sich die 94-jährige Elisabeth Willen jeden Morgen, während sie aus ihrer Wohnung ins Grüne hinausblickt und insgeheim hofft: «Noch möglichst lang!» Die ebenfalls über 90-jährige Anny Fröhlich macht es sich in ihrem verstellbaren «Fernsehsessel» bequem, ist stolz auf ihre grosse Wohnung, in der sie «spazieren gehen» könne, und verkündet munter: «Mer gaats guet!» Die MS-kranke Monique Hofmann, die noch recht mobil ist, hat sich mit ihrem Schicksal abgefunden, wie sie sagt, und macht das Beste draus. Und der verwitwete Silvan Jeker schlägt sich bei jedem Besuch der Spitex mit der Aufforderung herum, sein heillos überstelltes Couchtischchen aufzuräumen – worauf er die Dinge von der einen Seite auf die andere oder vom Tischchen aufs Sofa und wieder zurückbeigt.

Alt werden und das in den eigenen vier Wänden – das wollen die meisten, und das tun auch diese drei Seniorinnen und der Senior: Nur ja nicht ins «Altersheim», ist die Devise. Dass das möglich ist, verdanken sie der Spitex – der mobilen Pflegeorganisation, die auf die Bedürfnisse zugeschnittene Hilfe zu Hause bietet. «Sie machen, was ich will!», meint denn auch Frau Fröhlich nicht ohne Schalk.

Der Basler Journalist und Filmemacher Frank Matter porträtiert in seinem Dokumentarfilm zum einen vier vife Betagte, die mit Witz und auch etwas starrköpfiger Resistenz ihren Alltag meistern, zum anderen die Arbeit der Spitex Allschwil-Schönenbuch: ihre Aufgaben, ihren Umgang mit ihren Schützlingen, aber auch die Zwänge, denen die Organisation zunehmend unterworfen ist – wird sie doch angehalten, immer schneller und effizienter zu werden. Oder wie es einer der Verantwortlichen beschreibt: Früher stand der Mensch im Zentrum, heute ist es die Wirtschaftlichkeit. Für einen Kaffee mit den Betreuten bleibt keine Zeit, und auch für Gespräche wird’s knapp. Keine schöne Entwicklung.

Von heute auf morgen widmet sich einem Thema, das gerne ausgespart wird in einer Zeit, in der Jung- und Schönsein, Leistung und Selbstbestimmung höchste Priorität geniessen. Hier wird von Einsamkeit, von abnehmender Kraft und fortschreitender Demenz erzählt. Von einem Alltag, der zunehmend von Tabletten, verlegten Hörgeräten und «Sicherheitshöösli» geprägt ist, von einer Zeit, die ob dem eintönigen Alltag «davonfliegt» – weshalb auch der bei zwei der Porträtierten widerstrebend vollzogene Übergang ins Heim «von heute auf morgen» stattzufinden scheint, wie sie monieren, obwohl dem Entscheid eine einschneidende Krankheit vorausging, welche die Betroffenen aber zu dem Zeitpunkt nicht (mehr) erinnern. Mit seinen ebenso respektvollen wie humorvollen Porträts stösst der Regisseur die Auseinandersetzung über Würde und Alter in unserer Gesellschaft an, ohne die Augen davor zu verschliessen, was das von allen angestrebte Altwerden unweigerlich mit sich bringt.

Doris Senn
*1957, Studium der Romanistik, der Euro­päischen Volksliteratur und der Filmwissenschaft. Freie Filmjournalistin sowie seit 2001 Co-Leiterin des schwullesbischen Filmfestivals Pink Apple. Lebt in Zürich.
(Stand: 2017)
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