DORIS SENN

VIRGIN TALES (MIRJAM VON ARX)

SELECTION CINEMA

Der Dokumentarfilm Virgin Tales porträtiert eine Familie aus der Gemeinschaft der evangelikalen Christen in den USA: die Wilsons. Ihnen kommt in dieser Freikirche besondere Bedeutung zu, initiierten sie doch 1998 die «purity balls» – eine Art Keuschheitsbälle, organisiert für Väter und ihre unverheirateten Töchter. Die Wilsons haben selbst zwei Söhne und fünf Töchter – wovon drei bereits verheiratet sind. Die älteste Tochter der Wilsons wartet bislang noch auf ihren «Prinzen». In einem Fragment eines Filmtagebuchs erzählt sie – mitunter den Tränen nah – vom unsäglich langen Warten, das sie mit Benimmkursen für junge Frauen zu verkürzen sucht...

Mirjam von Arx, die seit rund zehn Jahren als unabhängige Filmemacherin tätig ist (Abxang, Building the Gherkin, Seed Warriors), begleitete die Wilsons über zwei Jahre und lässt der «Vorzeigefamilie» viel Raum für die Selbstdarstellung: Wir sehen, wie sich die Kinder dem Vater auf Knien nähern, um seinen Segen zu empfangen, wie Mädchen und junge Frauen in weissen Brautkleidern auf den Reinheitsbällen auftreten oder wie der jüngere Sohn «zum Mann geadelt» wird.

Die evangelikale Kirche postuliert ein ri­gides Gesellschaftsbild, in dem gegen das mutmassliche Chaos der Gegenwart die Werte Religion und Patriarchat hochgehalten werden. Dazu gehört, dass Frauen und Männer ein Keuschheitsgelübde ablegen, das nicht nur Sex, sondern mittlerweile auch das Küssen vor der Ehe bannt. Die Frauen sind entsprechend in erster Linie dazu bestimmt, Mutter und Hausfrau zu werden, was eine Ausbildung für sie obsolet macht: Die Wilsons betreiben «home­schooling» und unterweisen ihre Kinder nach eigenem Gutdünken im Schoss der Familie.

Die Regisseurin zeigt ein ebenso skurriles wie erschreckendes Universum – nicht zuletzt im Hinblick auf das Wachstum der Bewegung: In nicht weniger als 48 Staaten der USA finden mittlerweile solche Reinheitsbälle statt, ein Viertel der US-Bevölkerung bezeichnet sich als evangelikal, und fast die Hälfte glaubt an den Kreationismus. Das grosse Feindbild für die politisch agierende kirchliche Gemeinschaft ist die aufgeklärte, moderne Gesellschaft und mit ihr Stichworte wie Darwinismus, Feminismus, Homosexualität, Abtreibung, aber auch all die Sozialreformen, die Präsident Obama anpeilt.

Virgin Tales gewährt zweifellos in den ultrakonservativen Wertekanon dieser Gemeinschaft eine privilegierte Innensicht. Doch hätte der rund 90-minütige Film gut ein bisschen Straffung sowie etwas mehr kritische Distanz vertragen können. So präsentiert sich Virgin Tales zwar als augenöffnende Langzeit-Reportage, doch wäre man nicht überrascht, wenn die Wilsons den Film auch für ihre eigene Propaganda verwenden würden.

Doris Senn
*1957, Studium der Romanistik, der Euro­päischen Volksliteratur und der Filmwissenschaft. Freie Filmjournalistin sowie seit 2001 Co-Leiterin des schwullesbischen Filmfestivals Pink Apple. Lebt in Zürich.
(Stand: 2017)
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