NATALIE BÖHLER

CLEVELAND VS. WALL STREET (JEAN-STÉPHANE BRON)

SELECTION CINEMA

Das Einfamilienhaus mit Vorgarten ist der Inbegriff des US-amerikanischen Mittelstandstraums. Umso schockierender war es, als 2008 die Finanzblase, die die Wall Street mit der Vergabe überteuerter Hypothekarkredite geschaffen hatte, platzte, tausende zahlungsunfähige Familien ihr Heim verloren und die Weltwirtschaft in eine Krise geriet. Im Zuge dieses Desasters klagte die Stadt Cleveland, Ohio, gegen zwanzig Banken der Wall Street wegen «Störung der öffentlichen Ordnung». Vergeblich: Das zuständige Gericht wies den Prozess ab.

Jean-Stéphane Brons Film Cleveland vs. Wall Street zeigt das Verfahren, das hätte stattfinden müssen. Er inszeniert in Cleveland einen fiktiven Prozess mit realem Hintergrund, echten Protagonisten und Zeugenaussagen; die Kamera tritt derweil in den Zeugenstand. Es entsteht ein raffiniertes Spiel mit Fiktion und Dokumentarismus: Was besagt der Zeugenschwur, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen, in einer Halbfiktion?

Das Genre des klassischen Gerichtsfilms lebt von der Überzeugungskraft der Anwaltsrhetorik, der Brillanz der Beweisführung und dem Gefühl moralischer Überlegenheit, das den Sieg der Gerechtigkeit begleitet. Hier hingegen findet sich nichts von alledem. An die Stelle der Polemik tritt eine Ambivalenz, ein eindeutiges Fazit zur Schuldfrage bleibt aus. Stattdessen wird man zunehmend ratloser: Kreditnehmer erzählen von Zwangsräumungen und stellen sich als Opfer dar, ein Makler gesteht, seinen schlechtsituierten Kunden skrupellos Zweithypotheken aufgeschwatzt zu haben, währenddem der Bankenvertreter indirekt das gutgläubige Verhalten der Kreditnehmer kritisiert. Der Film wird zu einem exemplarischen, moralischen Prozess am beschleunigten Wirtschaftsliberalismus und kratzt an Prämissen des Kapitalismus: Wo liegt die Trennlinie zwischen der Verantwortung der Verkäufer und der Eigenverantwortlichkeit der Käufer?

Die Konzentration auf diese Grundfrage spiegelt sich im schlichten visuellen Konzept des Films: Neben den wortreichen, dramatischen Szenen im Gerichtssaal stehen ruhige Kamerafahrten durch Mittelschichtsquartiere der Stadt, die ausgestorben und verlottert aussehen: ganze Strassen voller Häuser, verlassen von Bewohnern, denen ihr Zuhause zum finanziellen Verhängnis geworden ist. Ganz zu Schluss betrachtet die Kamera in einer Por­trätserie die Gesichter der Kläger. Wo das juristische Urteil ausblieb, ergreift schliesslich der Film Partei und appelliert an die Ethik, indem er uns die sozial Schwächeren optisch nahebringt, direkt gegenüberstellt und an die moralische Dimension des engagierten Dokumentarfilms erinnert.

Cleveland vs. Wall Street erlebte an der 42. Quinzaine des Réalisateurs in Cannes seine Premiere.

Natalie Böhler
Filmwissenschaftlerin, lebt in Zürich. Mitglied der CINEMA-Redaktion 2002-2007. Promotion zu Nationalismus im zeitgenössischen thailändischen Film. Interessenschwerpunkte: World Cinema, Südostasiatischer Film, Geister im Film.
(Stand: 2016)
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