TILL BROCKMANN

KOYAANISQATSI (GODFREY REGGIO, USA 1982)

MOMENTAUFNAHME

Das Medium Film privilegiert das Individuum, seinen körperlichen und geistigen Aktionismus; allenfalls gibt es noch das Gruppenporträt, die Schicksalsgemeinschaft. Doch die Masse taugt nicht zur Inszenierung. Wenn, dann nur als jubelndes Dekor im Monumentalfilm oder glotzende Menge beim Duell. Oder es sieht aus wie hier bei Reggio: Mit Zeitlupe und Teleobjektiv stampft man das Menschenmaterial, um es mit dem Unwort des 20. Jahrhunderts zu sagen, zeitlich und räumlich zum Einheitsbrei ein, der sämig durch die engen Strassenschluchten fliesst. Paradox: Starke Verlangsamung lässt den Einzelnen erkennen und macht ihn trotzdem anonym, unterstreicht die Bewegung und raubt ihr zugleich Ziel und Sinn. Sie entführt aus der vertrauten Dynamik des Films in die Konservierung der Fotografie. Wie Halbtote aus den Werken George A. Romeros bewegt sich die Masse der Willen- und Namenlosen hier auf dem zivilisationspessimistischen Pfad, den der Regisseur vorgibt. «Crazy life», «life desintegrating» bedeutet das kryptische Titelwort aus der Sprache der HopiIndianer denn auch. Dabei kommen solche Bilder auch bei Reportagen über Sozialversicherung, Asthma oder New York zum Zuge. Massen in Zeitlupe sind beliebig einsetzbar.

Till Brockmann
lic. phil., geb. 1966 in Hannover, aufgewachsen im Tessin. Studium der Geschichte, Japanologie und Filmwissenschaft an der Universität Zürich. Von 1993 bis 2000 Assistent, seit 2001 Lehrbeauftragter am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Daneben Dozent für Filmgeschichte an der EFAS sowie der F+F Schule für Kunst und Mediendesign (beide Zürich). Seit 1996 als Filmjournalist mehrheitlich für die Neue Zürcher Zeitung, aber auch für andere Publikationen tätig. Arbeitet an einer Dissertation zur Zeitlupe.
(Stand: 2008)
[© cinemabuch – seit über 60 Jahren mit Beiträgen zum Schweizer Film  ]