DORIS SENN

BOUND (ANDY WACHOWSKI, LARRY WACHOWSKI, USA 1996)

MOMENTAUFNAHME

«Hold the elevator!» Corky: Lederjacke, Marlon-Brando-Unterhemd, drückt auf den Knopf. Violet – weites Dekolleté, schwarzer Lockenkopf – schiebt sich mit laszivem Schritt in den Lift. «Thank you!» – ein Hauch von einem Lächeln. Corky rückt unmerklich den Kopf Richtung Unbekannte. Die neigt das Gesicht, nimmt die Sonnenbrille ab und guckt zurück. Während der Fahrstuhl mit einem feinen Klingeln die Etagen abzählt, stimmt die Musik – mit swingendem Bass und samtenem Brushing – in die kleine Suspense ein. Corky schiebt den Kopf in den Nacken, blickt durch ihren dunklen Pony, forsch. Zehnter Stock. Violet bleibt einen vibrierenden Moment lang stehen, bevor sie mit einem umschmeichelnden Blicktravelling zu Corky gewandt rausgeht. Im Mini, mit schwarzen Strümpfen und Highheels bewegt sie sich wogenden Schrittes über den Marmorboden. Corky versenkt die Augen in ihre Silhouette. Mit einem Seufzer und einem Schmunzeln landet sie wieder in der Realität. Ein Blick auf die Schlüsselnummer: Ihre Wohnungen liegen nebeneinander. Violet schaut zurück. Das Spiel ist eröffnet.

Doris Senn
*1957, Studium der Romanistik, der Euro­päischen Volksliteratur und der Filmwissenschaft. Freie Filmjournalistin sowie seit 2001 Co-Leiterin des schwullesbischen Filmfestivals Pink Apple. Lebt in Zürich.
(Stand: 2017)
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