LAURA DANIEL

SCHENGLET (LAURENT NÈGRE)

SELECTION CINEMA

Schenglet ist ein elektronisches Visum-Armband, das jeder Einwanderer während seines Aufenthalts in Europa am Handgelenk oder wahlweise auch am Fussgelenk tragen muss. Nach drei Monaten läuft das Visum ab und Schenglet wird, sofern man ein gültiges Rückflugticket hat, entfernt. Sollte die Ausreisefrist ignoriert werden, greift Schenglet selbst zu anderen Massnahmen. Eine Woche nach Ablauf des Visums erklingt ein Alarmsignal; wird dieses ignoriert, injiziert Schenglet Angst auslösende Mittel und Penthatol. Sollte trotz der injizierten Dosis Widerstand geleistet werden, wird der/die Schenglet-TrägerIn aufgrund thermischen Drucks automatisch mit einer Kennnummer versehen, die eine neue Einreise in den Schengen-Raum zu einem späteren Zeitpunkt verunmöglicht. Sollte die eingereiste Person weiterhin Widerstand leisten und gar versuchen Schenglet manuell zu entfernen, muss mit gravierenden physischen Verletzungen gerechnet werden, z. B. wird die Hand abgehackt.

Verpackt in einem technisch brillanten Werbefilm, unterlegt mit einer gleichermassen freundlichen als auch anonymen Voice-over, illustriert Nègre eine Horror-Einwanderungspolitik der Zukunft. Nègres Animationsfilm ähnelt in vielerlei Hinsicht den Instruktionsfilmen in Flugzeugen. Jene Ästhetik wird instrumentalisiert, um die Gefahr einer fortschreitenden Überwachungspolitik scharfsinnig und pointiert zu demontieren. Je weiter fortgeschritten der Film, desto unbehaglicher wird es den ZuschauerInnen und desto unbehaglicher wirkt auch die gewählte, uns bekannte Form der Präsentation. Der Film entlarvt sich nach und nach als Satire.

Schenglet wurde als technisches Gerät an der Ecole d’Ingénieurs de Genève entworfen, dann an realen Trägern gefilmt und in der Postproduktion derartig umgestaltet, dass der Film seinen virtuellen Charakter erhielt. Mit Hilfe von Computeranimation wurden die virtualisierten Figuren, samt Schenglet, vor einem Collage-artigen Hintergrund platziert.

Gerahmt ist der Film von zwei Aufnahmen, in denen ein Schwarzafrikaner von einer im Dunklen stehenden Menge beobachtet wird. Die Angst ist ihm ins Gesicht geschrieben. Den Schlusssatz bildet der eingeblendete Artikel 13.1 der Menschenrechtserklärung: «Everyone has the right to freedom of movement and residence within the borders of each state.»

Laura Daniel
geb. 1978, Studium an der Universität Zürich und der NYU, war Mitglied der CINEMA-Redaktion und des Organisationsteams der Internationalen Kurzfilmtage Winterthur. Lebt und arbeitet in Zürich.
(Stand: 2009)
[© cinemabuch – seit über 60 Jahren mit Beiträgen zum Schweizer Film  ]