NATALIE BÖHLER

OSCAR (ROBERTO MARTINEZ)

SELECTION CINEMA

Die Fussballshorts und das Trikot schlottern um seinen mageren Körper, das Tor und selbst der Ball scheinen riesig, und dennoch ist Oscar der Held auf dem Trainingsplatz des FC Dietikon. Trotz den Punkten, die er für seinen Club holt, bleibt aber die Melancholie in den Augen des Zehnjährigen sichtbar: Schmerzlich vermisst er denjenigen Zuschauer, der ihm am wichtigsten ist – seinen eigenen Vater. Andere Väter sind zuhauf vorhanden; die einen (italienischen) feuern inbrünstig und frenetisch ihren Nachwuchs an und zeigen mehr Elan als Trainer und Mannschaft zusammen. Die andern (Schweizer) Väter sitzen lethargisch auf der Zuschauerbank, sind aber immerhin anwesend. Oscars Papa hingegen erscheint kaum zu seinen Sternstunden; wenn, dann nur, um ihm wortkarg nach dem Spiel saubere Wäsche zu bringen, und dies selbstverständlich auch nur im Auftrag der Mutter. Die Wunde sitzt tief und begleitet Oscar durch seine Jugend- und Fussballerzeit. Dabei hat er sonst schon um Anerkennung zu ringen: Als spanischer Secondo in den frühen Achtzigerjahren, vor den Zeiten des Latino-Schicks, ist das Leben inmitten der vorwiegend schweizerischen Jugend einer Zürcher Vorortsgemeinde nicht gerade rosig.

Jahre später: Oscar, mittlerweile erwachsen und Vater eines kleinen Fussballers, sitzt neben seinem Vater auf der Zuschauertribüne und erinnert sich an seine glorreichen, aber traurigen Stunden auf dem Rasen. Beim Bratwurstholen verpasst er das Tor seines Sohnes und wird deshalb von seinem Vater zünftig gerügt; ausserdem sei Ketchup zur Bratwurst ja wohl das Letzte. Unerwarteterweise kommt es dann doch noch zur späten, lakonischen und tröstlichen Versöhnung zwischen Vater, Sohn und der Vergangenheit – bei Bratwurst und Fussball, wie es sich für eine rechte Männergeschichte gehört.

Roberto Martinez, ehemaliger Hobbyfussballspieler und spanischer Secondo aus Dietikon, hat mit seinem Diplomfilm an der HGK Zürich ein kleines, feines Glanzstück geschaffen. Ein nahezu perfektes Timing im Bild- und Tonschnitt – Grundvoraussetzung jeder guten Komödie – und knappe, treffend pointierte Dialoge machen aus Oscar eine humorvolle, leichtfüssige und herzliche Betrachtung eines eigentlich sehr komplexen Themas: dem Hunger nach elterlicher Anerkennung. Spanische Machismo-Klischees werden ironisch aufs Korn genommen: Zu den Fussballszenen in Zeitraffer gesellt sich eine schrummende Flamenco-Gitarre, und die Diskussion um Ketchup oder Senf lässt die Männer in ihrer ganzen Verletzlichkeit erscheinen. Der Moment der Versöhnung ist, wie so oft, einfacher und zugleich banaler, als man aufgrund jahrelanger Zweifel meint.

Natalie Böhler
Filmwissenschaftlerin, lebt in Zürich. Mitglied der CINEMA-Redaktion 2002-2007. Promotion zu Nationalismus im zeitgenössischen thailändischen Film. Interessenschwerpunkte: World Cinema, Südostasiatischer Film, Geister im Film.
(Stand: 2016)
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