DORIS SENN

REMUE-MÉNAGE (FERNAND MELGAR)

SELECTION CINEMA

Mit «Drunter und Drüber» etwa liesse sich der Titel von Fernand Melgars Dokumentarfilm übersetzen. Und drunter und drüber geht es tatsächlich in der kleinen welschen Stadt Moudon, in der der 35-jährige Pascal mit Frau und Kindern lebt. So weit, so gut. Mit Aus­nahme von Pascals Flair für Frauenkleider. Denn, was andere im stillen Kämmerchen aus­leben oder in Metropolen an augenfälligen An­lässen wie Gay Prides oder Street Parades zur Schau stellen, lebt Pascal(e) im Alltag: Er liebt es, sich als Frau aufzumachen und im engen Mini auf Stöckelschuhen durch das Provinz­städtchen zu trippeln. Dies nun will einigen Bürgern von Moudon partout nicht in den Kopf. Deshalb wird die Familie geschnitten, die Polizei verweist Pascal - wenn er als «Mère Noël» Geschenke verteilt - vom Platz, ja Pas­cals Mutter ficht sogar vor Gericht sein Sorge­recht über die Kinder an. Dabei scheint es, als kämen diese mit der Situation am besten zu­recht. Die Sprösslinge albern herum, wecken ihren Vater mit «Bonjour, Marilyn Monroe» und stellen sich ihn auch mal im Bikini in den nächsten Strandferien vor - dies aber immer in spürbarer liebevoller Akzeptanz für die beson­dere Neigung ihres Vaters.

Carole, Pascals Frau, hat es da schon schwe­rer. Sie hat sich mit dem Crossdressing ihres Mannes zwar abgefunden und akzeptiert es. Doch die Anfeindungen der Umwelt machen ihr schwer zu schaffen. Melgar hält die daraus entstehenden Krisenmomente fest, er doku­mentiert aber auch den Alltag - etwa wenn Pas­cal mit blondierten Haaren und den grossen Ohrringen im Blaumann unter dem Auto liegt (er arbeitet im Autoabbruch!), wenn er den Kleinen in den Kindergarten bringt, wenn er mit Carole zusammen ausgeht (als Frau ver­steht sich) oder wenn er für seinen Traum - die Bühnenshow als Dalida - im zum Studio um­funktionierten Hinterzimmer probt.

Als tiefsinnige und entlarvende Mise-en-abime entpuppen sich die Aufnahmen während der Fasnacht: Das Städtchen ist in Aufruhr; es herrschen Ausgelassenheit und Übermut; man ist geschminkt, kostümiert und aufgedreht. Wohin man blickt, zeigen sich Männer in auf­reizenden und vollbusigen Frauenkostümen. Auch Pascal ist unterwegs - als Mann. Er be­fragt die Leute als «Jean-Luc Danslarue» nach ihrer Meinung über das seltsame Moudoner Paar (in Anspielung auf den Moderator Jean-Luc Delarue der France-2-Talkshow Ça se dis­cute, wo Pascal und Carole kurz vorher zu Gast waren). Die Reaktionen sind gemischt, was für die einen «cool» ist, verwerfen die andern als «total durchgedreht».

Der intime Porträtfilm lebt von der Offen­heit der Protagonisten und vor allem von der Darstellung ihrer Geradlinigkeit und ihres Muts, zu einer Lebensweise zu stehen und sie - trotz Widerstand - in provinzieller Engstirnig­keit und Kleinmütigkeit dort zu leben, wo sie zu Hause sind.

Doris Senn
geb. 1957, Filmjournalistin, seit 1993 Mitglied der CINEMA-Redaktion, lebt in Zürich.
(Stand: 2018)
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