DORIS SENN

WHY SHOULD I BUY A BED WHEN ALL THAT I WANT IS SLEEP (NI­COLAS HUMBERT, WERNER PENZEL)

SELECTION CINEMA

Der amerikanische Dichter Robert Lax, ein Vertreter der Konkreten Poesie, starb 85-jährig im September 2000. Aus einer New Yorker Künstlergruppe, die entscheidenden Einfluss auf die nachfolgende Beat Generation ausübte, zog er sich in den Sechzigerjahren auf die grie­chischen Inseln Kalymnos und Patmos zurück. Zwischen 1993 und 1999 besuchten und film­ten ihn Nicolas Humbert und Werner Penzel, die ihm freundschaftlich verbunden waren. Die vorerst als Installation unter dem Namen Three Windows mit drei je einstündigen Filmen prä­sentierten Aufnahmen finden sich nun in einer sechzigminütigen poetischen Dokumentation gebündelt.

Lax’ Zitat «Why should I buy a bed when all that I want is sleep» ist emblematisch so­wohl für seine asketische Lebensweise als auch für seine minimalistische Poesie - ein mono­toner Refrain von Worten oder Wortpaaren, die sich meditativ aneinanderfügen: «First moment. Last moment. First moment. This moment...» Seine Dichtung bewegt sich zwi­schen Malerei und Musik und eifert einer auditiv-sinnlichen Wahrnehmung von Sprache nach. Lax liest seine Gedichte selbst - mit schö­ner, erstaunlich jugendlicher Stimme - und evoziert dabei Farben, Elemente und Düfte: «Circle of brown. Circle of blue. Circle of earth. Circle of sea... Brown. Brown. Blue. Blue...» Oder: «Presence of light. Presence of dark. Dark. Light...»

Die beiden Regisseure, die sich schon in ihren früheren Werken Step Across the Border (1990) und Middle of the Moment (1995) mit der Poesie von Bildern und von Klang/Rhyth­mus auseinandergesetzt haben, finden sich hier in ihrem Element. Ihr Film nimmt den formel­haften Minimalismus von Lax’ Poesie auf und «kontert» mit einer Reihe tableauhafter fixer Einstellungen, die manchmal Minuten dauern.

Den Schwarzweissbildern von Land­schaft, Dorfbewohnern sowie Lax’ Alltag finden sich die rezitierten Farbvokabeln gegen­über - dem dichterisch beschworenen Hell-Dunkel die Lichtstrukturen des Filmquaders. Den reduzierten Wortketten assoziieren sie Einstellungen, die entweder in einer Totalen Handlung als Nicht-Handlung erscheinen las­sen - etwa wenn die Kamera minutenlang auf einem fernen Mann mit weissem Pferd im stati­schen Bildzentrum verharrt, ohne dass wir sagen könnten, was er treibt. Oder sie wählen den Bildausschnitt so, dass er nur Details frei­gibt - die Füsse des über Stock und Stein pil­gernden Lax oder die Pferdeohren, die ins Bild hineinragen.

Die Aufnahmen sind weit davon entfernt, den Text zu illustrieren - was sowieso ein un­mögliches Unterfangen wäre. Eher passiert das Gegenteil: Wenn Lax in einem Gedicht minu­ziös die Einzelheiten seiner Ein-Raum-Woh- nung aufzählt und wir ungewollt das Bild nach den genannten Gegenständen abtasten. Why Should I Buy a Bed When All That I Want Is Sleep bietet aber nicht nur Lax’ Poesie eine Folie, auf der sie sich entfalten, und einen Klangraum, in dem sie sich ausbreiten kann, sondern bringt uns auch den Dichter als be­scheidene und sympathisch-humorvolle Per­sönlichkeit näher.

Doris Senn
geb. 1957, Filmjournalistin, seit 1993 Mitglied der CINEMA-Redaktion, lebt in Zürich.
(Stand: 2018)
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