THOMAS SCHÄRER

LA VIDA ES FILMAR (BEAT BORTER)

SELECTION CINEMA

Dokumentationen über Dreharbeiten, die seit geraumer Zeit vor allem Privatfernsehkanäle überschwemmen, verbreiten vorwiegend schmuddeligen PR-Charme oder verfallen Geniekult und ideell-ästhetischer Trittbrett­fahrerei. La vida es filmar, der zweite Film des Bieler Kulturschaffenden Beat Borter, ist mehr als ein weiteres «Making of». Borter begleitete seinen langjährigen Freund Fernando Pérez im Sommer 1998 bei den Dreharbeiten zu La vida es silbar, der mit seinem magischen Realismus in der Schweiz ein Kritiker- und Publikums­erfolg wurde.

Entstanden ist ein lebendiges Stimmungs­bild nicht nur von den Dreharbeiten, sondern auch über die Einwohner Havannas. Von ihrer Anteilnahme am Entstehen eines Films können Filmschaffende hier zu Lande nur träumen: Verzückte Blicke und Staunen allenthalben spiegeln die intakte Magie des Kinos. Aber auch die Sehnsucht, dem schwierigen Alltag des «periodo especial» zu entfliehen, den Bal­lon - das eindrücklichste Requisit von La vida es silbar - zu besteigen und «andere Kulturen zu sehen».

Borter lässt die Equipe und viele Zaun­gäste zu Wort kommen. Was ist Film? Was kann er sein? Was ist Glück? Das Spektrum der Aus­sagen reicht von überzeugt vorgetragener offi­zieller Rhetorik bis zur populären Sicht, vor allem seitens junger Kubaner: «Glück ist für mich Weggehenkönnen aus diesem Land.» Oft staunt man über den hohen Bewusstseinsgrad, und nicht selten blitzt so etwas wie Lebens­weisheit auf. Auch Pérez selbst nimmt Stellung zu seinem vielschichtigen Film, dessen Bedeu­tung er nicht restlos erklären will: «Die Gefahr besteht zu glauben, Glück könne man per Dek­ret erlassen. Jeder ist anders. Es ist eine indivi­duelle Frage.»

Weitgehend chronologisch verfolgt Bor­ter mit einer agilen Videokamera den Dreh, schwelgt zuweilen ein bisschen mit in der Fik­tion, die Pérez, mit dem Megafon sanft dirigie­rend, herzaubert: etwa indem er einen Platz­regen filmt, der sich aus Feuerwehrschläuchen über das ausgetrocknete Havanna und über die Balletttänzerin im Fahrradtaxi ergiesst. Pérez ist überall, spielt den Schauspielenden mit Hingäbe ihre Rollen vor und legt beim Gerüstauf­bau selbst Hand an. Auch wenn er im Mittel­punkt ist, wirkt er mit seiner zurückhaltenden Art nie dominierend.

Die Essenz von La vida es filmar ist die trotz widriger Umstände omnipräsente Le­bensfreude der Menschen auf den Strassen und ihre Begeisterung für das Kino. So wird Borters Dokument mehr noch als eine nüchterne Hommage an seinen Freund Pérez zu einer Ode an die Vitalität der Menschen in Kuba.

Thomas Schärer
1968, studierte Filmwissenschaft und Geschichte in Zürich und Berlin. Wissenschaftlicher Mitarbeiter der HGK Zürich sowie freischaf­fender Historiker und Filmjournalist.
(Stand: 2018)
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