THOMAS SCHÄRER

WAALO FENDO (LA OU LA TERRE GELE) (MOHAMMED SOUDANI)

SELECTION CINEMA

Waalo Fendo, Mohammed Soudanis erster Spielfilm, beginnt mit nächtlichen, neonkalten Bildern aus den Vororten von Mailand. Der Strassenhändler Yaro und sein Freund fahren nach Novara, wo sie ihre Gürtel, Holzmasken und Taschen auf dem Markt verkaufen wollen. Ein Halt an einer Tankstelle hat tödliche Fol­gen: Ein rassistischer Fanatiker erschiesst sie aus einem fahrenden Auto. «Waalo fendo» be­deutet auf senegalesisch «da, wo die Erde ge­friert». Sinnbildlich tut sie dies im Nebel Nord­italiens, wo illegale Strassenhändler aus Afrika in Unterführungen und Passagen ihre Ware feil­bieten, um ihre Familien zu Hause zu ernähren. Nur zu oft verlieren sie nicht nur ihren Stolz, sondern auch ihr Leben.

Nach dieser Vorblende beginnt Yaros Bru­der Demba, der zwei Monate vor Yaros Tod ebenfalls nach Italien gekommen war, seine und die Geschichte des Bruders zu erzählen: über seine Reise von einem kleinen senegalesi­schen Dorf nach Mailand, wo er schwerkrank ankommt und bei einem kleinen Drogenhänd­ler wohnt, der kurze Zeit später tot aufgefun­den wird, oder über die Arbeit seines Bruders auf einem sizilianischen Tomatenfeld. Soudani lässt den Ich-Erzähler Demba in fast doku­mentarisch-ethnographischer Manier beobach­ten und rekonstruieren. Ständig wechselt er vom Alltag der Strassenverkäufer in Mailand zur Familie in Senegal und den Tomatenpflückern in Sizilien. Ausserdem bezieht er in­terviewartige Aussagen von Freunden mit ein, und Unbeteiligte kommen zu Wort: die Fischer von Dakar, ein Servierbursche in Ventiniiglia.

Soudani sind die Gleichzeitigkeit und die Parallelität der Schicksale wichtig. Das zeigen die Schnitte, die weit auseinander Liegendes in einen Zusammenhang stellen. Das zeigen sanfte Überblendungen wie die von der Sklaveninsel Gore vor der senegalesischen Küste auf einen Streik in den sizilianischen Tomatenplantagen. Das zeigt die Kamera, die oft in Aufsicht das Geschehen registriert. Sie betont die verlorene Souveränität der illegalen Immigranten, die aus ständiger Angst vor der Polizei stillhalten. Die Kamera registriert unprätentiös, sogar die Er­mordung Yaros wirkt trotz schneller Schnitte undramatisch.

So schafft es Soudani, eine an sich banale, oft gehörte Geschichte mit einem beein­druckenden Facettenreichtum zu erzählen. Leider gelingt es ihm aber nicht durchgängig, die verschiedenen Erzahlstränge klar zu struk­turieren. Der Film wirkt sperrig und roh. Wieeine authentischere, ungeschliffenere Versiondes fast gleichzeitig entstandenen Flüchtlingsdramas Clandestins von Denis Ghouinard und Nicolas Wadimoff. Waalo Fendo hat - ex aequomit Clemens Klopfensteins Schweigen der Männer - 1998 den neugeschaffenen Schweizer Filmpreis für den Spielfilm erhalten.

Thomas Schärer
1968, studierte Filmwissenschaft und Geschichte in Zürich und Berlin. Wissenschaftlicher Mitarbeiter der HGK Zürich sowie freischaf­fender Historiker und Filmjournalist.
(Stand: 2018)
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