PIERRE LACHAT

ZAKIR AND HIS FRIENDS (LUTZ LEONHARDT)

SELECTION CINEMA

Der Rhythmus steckt in allem und in allen drin, lange schon, bevor er in die Instrumente ge­langt, ehe er sieh zum Getrommel steigert: zu Melodie, Harmonie, Sinfonie, Ballett, Lichtspiel. Von unsern Haarwurzeln bis in unsere Extremitäten hat er sich überall und nirgendwo im vegetativen Nervensystem unserer gesam-ten Gattung eingenistet, um nicht zu sagen in den Fasern unseres Fleischs. Er hilft pickein, dreschen, gärtnern, maschinenschreiben, Auto fahren, tausend andere Dinge verrichten, nütz­liche wie selhstzweekhafte, simple und kompli­zierte. Und erst dann gerinnt er (vielleicht) zu Musik. Er gibt das Mass für diesen Text, für diese Grafik. Er ist, selbstverständlich, eine Sprache; er ist in einem gewissen Sinn die Spra­che, die Grundlage aller Idiome.

Von der Figur des indischen Tabla-Spielers Zakir Hussain ausgehend, zieht das abend­füllende poetische Essay von Lutz Leonhardt immer weitere Kreise, ohne Beweise anzutre­ten, es sei denn, dass überall in der Welt alles verstanden, aufgegriffen, beantwortet, über­nommen und weiterverbreitet wird, was sich durchtrommeln lässt. Und man kann fast alles in Perkussion übersetzen. Indien, Japan, Kali­fornien, Burkina Faso, Bali, die Karibik, Vene­zuela - die Instrumente sind anders, die Sen­sibilität, die Körpersprache, die Klangfarbe ist verschieden, selbst das Zeitempfinden variiert. Doch universell selbsterklärend ist an jedem Ort der Rhythmus, die in kleinste Stücke zer­hackte Zeit.

Das Gleichmass entzieht sich der zerebra­len Steuerung und ergiesst sich über die Ner­venstränge. So wirkt es auf die ganze sozusagen animalisch-elektrische Komponente unserer Konstitution, wie sie sich schon in der kommunsten Amsel manifestiert, wenn sie von der Tanne herab singt. Der Film spielt, trommelt, musiziert auf dem Instrument namens Men­schentier. Mit der Zeit spürt man es: Der Schlagzeuger generiert seine Schläge nicht selbst, sie erzeugen sich in ihm drin und aus ihm heraus von allein. Rhythmus bedeutet vor allem auch: Eliessen, Osmose.

Der gelernte Perkussionist Leonhardt hatte schon 1993 mit seinem leider unter­schätzten kulturgeschichtlichen Spaziergang nach Syrakus gezeigt, dass er sich im dokumen­tarisch-essayistischen Genre nicht mit der land­läufigen Routine zufriedengibt. Auch Zakir and His Friends ist nicht einfach ein weiterer Musikfilm oder ein Künstlerporträt nach Vor­gabe, sondern qualifiziert sich als durchaus eigenständiges Stück siebte Kunst.

Pierre Lachat
geb. 1943, Lehrbeauftragter an der Universität Fribourg und freier Filmjournalist.
(Stand: 2018)
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