THOMAS SCHÄRER

KATZENDIEBE (MARKUS IMBODEN)

SELECTION CINEMA

Alain (Patrick Frey) und Fredi (Beat Schlatter) sind nicht vom Glück verwöhnt. Alain betätigt sich mit geringem Erfolg als Hochstapler in der Immobilienbranche, als Vater und als »Sonder­müllentsorger«. Ab und zu sieht er seine ge­liebte Tochter an einem Schnellimbiß. Fredi vegetiert in einer Garage mit einer Horde gestohlener und zugelaufener Katzen. Auf einer Bahnhofstoilette kreuzen sich ihre Wege. Sie kennen sich von früher. Bald fallen die Fassa­den, sie erkennen gegenseitig ihre triste Lage und beschließen, die Last des Daseins gemein­sam zu tragen. Alain zieht zu Fredi, entschlos­sen, Fredis Erwerb zu professionalisieren: Katzen entführen, nach ein paar Tagen zurück­ bringen und Finderlohn kassieren.

Die Zeiten sind hart, das Geschäft harzt. Ihr einziges Kapital – ein altersschwacher Lie­ferwagen – wird ihnen von russischen Mafiosi abgenommen. Den Verlust des Lieferwagens könnten die Katzendiebe noch verkraften, nicht aber den des Inhalts: alle Instrumente und die Verstärkeranlage der Girlieband von Alains Tochter. Die Lage ist ernst, da ihr erstes Kon­zert unmittelbar bevorsteht.

Um die Geldforderungen der Mafiosi er­füllen zu können und so den Wagen zurückzu­gewinnen, ist Alain einer solventen Katzenhal­terin auf der Spur, die mit ihrem Büsi einträgliche Seancen abhält. Nachts taucht er vor ihrer Villa auf, wird aber entdeckt und her­eingebeten. Die Katzenentführung kommt erst durch einen Umweg Alains – und später auch Fredis – über ihr Bett zustande. Liebe und Ei­fersucht sind mit im Spiel, das endlich auch das ersehnte Geld bringt.

Die Geschichte läßt es vermuten: Katzen­diebe könnte auch ein Schwank auf der Bühne sein. Das Stück lebt von Situationskomik, vom hochstaplerischen Charme Patrick Freys und der holzschnittartigen dumpfen Herzensgüte Beat Schlatters: solide und erprobte Ingredien­zen des von Frey und Schlatter begründeten »Kabarett Götterspass«. Obwohl die Gags nicht selten etwas plump sind und auch noch wiederholt werden, kein humoristischer Gemeinplatz und kein dramaturgisches Stereotyp ausgelassen wird, vor allem Schlatter nicht gerade durch schauspielerische Nuancierung auffällt und schließlich die Kamera wenig in­spiriert agiert: Trotz alledem strahlt Katzen­diebe herben Deutschschweizer Charme aus. Sein sozialromantischer Blick auf abgetakelte Schauplätze und Randständige erinnert ent­fernt an die warmherzigen Verlierer in Kurt Frühs Hinter den sieben Geleisen (1959). Man­che Szenen – vor allem zu Beginn – sind fast von einer Lakonik à la Kaurismäki geprägt. Witzig ist die Verwertung von zwei relativ neuen Zürcher Erscheinungen: den VJs (Video­journalisten) lokaler Fernsehsender und den russischen »Buisnessmeni«. Als der VJ news­geil den verunfallten Alain ablichtet, packt ihn Fredi und liefert mit Fäusten seinen medialen Beitrag: »Das isch Fredi Rüegg für TeleZüri.« Ein wenig wie der Film: hausbacken und direkt.

Thomas Schärer
1968, studierte Filmwissenschaft und Geschichte in Zürich und Berlin. Wissenschaftlicher Mitarbeiter der HGK Zürich sowie freischaf­fender Historiker und Filmjournalist.
(Stand: 2018)
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