OLIVIER SAMTER

QUI PART À LA CHASSE (LEA FAVRE)

Drei Minuten. So lange steht in Lea Favres Kurzfilm Qui part à la chasse alles still. Ausser einem schwarzen Bild und blinkenden Elementen, die einem Kameradisplay nachempfunden sind, ist nichts zu sehen. Dafür ist die Tonebene umso präsenter: Zu hören ist die echte Handyaufnahme der Regisseurin, die auf der Busfahrt von einem Mann belästigt wird – stark verfremdet, aber nicht minder gruselig.
 
Drei Minuten lang zwingt uns Favre, zuzuhören und mitzuerleben, wie ein Kerl sie anbaggert, einengt und eine Grenze nach der anderen überschreitet. Dass wir dabei auf der Bildebene keine Informationen bekommen, ist Teil von Favres Entscheidung, uns keinen Ausweg, keine Fluchtmöglichkeit zu bieten. Wie auch sie selbst, sind wir in diesem Moment gefangen – ein beklemmendes Gefühl.
 
Um diese reale Aufnahme herum rekonstruiert die Filmemacherin in Qui part à la chasse das Erlebte in reduzierter Stop-Motion-Technik und erzählt, wie sie sich für einen Dokumentarfilm auf die Suche nach einer zu porträtierenden Person begibt. Auf die ‹Jagd›, quasi. Und wie sie dabei unverhofft im Visier eines anderen ‹Jägers› landet. Wie Favre in ihrem Film die Frage nach dem Jagen und Gejagtwerden behandelt und dabei auch die eigene Rolle als Dokumentarfilmerin hinterfragt, ist überragend.
 
Mit ihrem Film wolle sie die Kontrolle über das Geschehene ein wenig zurückerlangen, erzählte Lea Favre am Animationsfestival Fantoche, wo ihr Historisches gelang: Sie gewann als erste Person überhaupt den Hauptpreis sowohl im Internationalen als auch im Schweizer Wettbewerb. Den Drang nach Kontrolle merkt man Qui part à la chasse nicht einfach nur an – er treibt diesen Film regelrecht an.
 
Da wäre etwa Favres Entscheidung, alle Figuren selbst einzusprechen und damit den Täter, den sie in der Tonaufnahme bereits verfremdet hat, auch in den fiktionalisierten Sequenzen seiner Stimme zu berauben. Oder das Finale des Films, in dem die Filmemacherin den alten Mann konfrontiert und ihm einen Schwall an Beschimpfungen an den Kopf schleudert. Es sind die Worte, die Favre in der realen Situation fehlten und die sie sich hier in der Animation zurückholt. Die Entschlossenheit, mit der die junge Walliserin in ihrem ersten Animationsfilm agiert, ist beeindruckend. Auch auf technischer Ebene, wo uns das simple, fast schon naive Figurendesign in falscher Sicherheit wiegen soll. Als die Unschuld ihrer Bildwelt mit den Abgründen der Realität kollidiert, entblösst Favre ihre Protagonistin bis auf die Stop-Motion-Armatur – ein ebenso eindrücklicher wie verletzlicher Moment. Qui part à la chasse ist ein Animationsfilmsdebüt, wie man es schon lange nicht mehr gesehen hat: Ein unerschrockener, aufwühlender Film, der nachhallt.
Olivier Samter
*1993, studierte Animationsfilm und arbeitet als Filmemacher, Illustrator und Comedy-Autor. Freischaffender Filmkritiker für Maximum Cinema.
(Stand: 2025)
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