Wer ganz in den Süden des Tessins fährt und nach Lugano den See passiert, hat es bestimmt schon linkerhand erblickt: Ein über dem Wasser thronendes, überdimensioniertes, sandfarbenes Bauwerk. Es befindet sich im 2000-Seelendorf Campione d’Italia, einer italienischen Enklave. Dessen Bewohnende, die Politik, Wirtschaft und Infrastruktur sind seit 1917 mit dem Spielcasino eng verwoben, das 2007 mit über 500 Angestellten im Neubau des Tessiner Stararchitekten Mario Botta wiedereröffnete. 2018 erfolgten Bankrott und Schliessung, was das Dorf beinahe ebenfalls in den Ruin trieb. Den Gedanken der Bevölkerung über den stillstehenden Koloss geht der Dokumentarfilm Architektur des Glücks nach, das Gemeinschaftswerk des italienisch-schweizerischen Dokumentarfilmers Michele Cirigliano und des deutschen Bühnenbildners Anton von Bredow.
Architektur des Glücks verzichtet auf eine klassische Architektur-Dokumentation mit Expert_innen aus Architekturpraxis und -geschichte. Stattdessen spürt die Kamera Szenerien in der Ortschaft Campione d’Italia auf, die seit dem Ende des Tempels des Geldes in ein verschlafenes Dorf übergegangen ist, in dem Häuser leer stehen und auch das Gourmet-Restaurant während der Drehzeit schliessen musste. Botta, der sich längst nicht mehr zum Bau äussert, thematisiert der Film nicht. Vielmehr sind es die Campionesi unterschiedlicher Generationen und Milieus, die uns ihr Dorf und das Casino, mit dem sie verbunden waren und sind, näherbringen. Da ist Tiziana, die zu den ersten Frauen gehörte, die in den 1980ern die Croupier-Ausbildung absolviert hatten, und im Casino viel Verantwortung trug. Da ist die Deniz, Tochter türkischer Migrant_innen, die sich entschieden hat, nicht im Casino zu arbeiten und stattdessen Ökonomie zu studieren. Da ist ein freiwilliger Gärtner, der in Begleitung seiner Ziege das Dorf mit Blumen schmückt, da er diesem für seine, zwar inzwischen verlorene, Arbeitsstelle, weiterhin dankbar ist. Der Film versammelt diese und weitere Gesichter, Stimmen und Geschichten. Diesem Chor werden Szenen im Dorf sowie Archivaufnahmen gegenübergestellt, die von der ehemaligen Grösse Campiones zeugen
Michele Cirigilano und Anton von Bredow ist mit ihrem Dokumentarfilm Architektur des Glücks ein überraschend vielschichtiges, sensibles und bildstarkes Portrait von Campione d’Italia gelungen. Besonders eindrücklich sind die Innenaufnahmen des fast fensterlosen Baus, die durch unzählige ungenutzte Maschinen und Spieltische, die geschlossenen Restaurants und den leeren Festsaal eine merkwürdige Aura versprühen. Als der Film entstand, eröffnete das Casino überraschenderwiese wieder. Ein neues Konzept und zwei Drittel weniger Angestellte sollen die rund 120 Millionen Euro Schulden beim italienischen Staat begleichen. Architektur des Glücks erzählt vielstimmig und eröffnet historisch wie visuell überraschende Perspektiven. Der in seinem erzählerischen Konzept konsequente und nie wertende Dokumentarfilm gibt den redebedürftigen Betroffenen eine Stimme und bringt uns genauso zum Staunen wie er uns nachdenklich stimmt.
Architektur des Glücks verzichtet auf eine klassische Architektur-Dokumentation mit Expert_innen aus Architekturpraxis und -geschichte. Stattdessen spürt die Kamera Szenerien in der Ortschaft Campione d’Italia auf, die seit dem Ende des Tempels des Geldes in ein verschlafenes Dorf übergegangen ist, in dem Häuser leer stehen und auch das Gourmet-Restaurant während der Drehzeit schliessen musste. Botta, der sich längst nicht mehr zum Bau äussert, thematisiert der Film nicht. Vielmehr sind es die Campionesi unterschiedlicher Generationen und Milieus, die uns ihr Dorf und das Casino, mit dem sie verbunden waren und sind, näherbringen. Da ist Tiziana, die zu den ersten Frauen gehörte, die in den 1980ern die Croupier-Ausbildung absolviert hatten, und im Casino viel Verantwortung trug. Da ist die Deniz, Tochter türkischer Migrant_innen, die sich entschieden hat, nicht im Casino zu arbeiten und stattdessen Ökonomie zu studieren. Da ist ein freiwilliger Gärtner, der in Begleitung seiner Ziege das Dorf mit Blumen schmückt, da er diesem für seine, zwar inzwischen verlorene, Arbeitsstelle, weiterhin dankbar ist. Der Film versammelt diese und weitere Gesichter, Stimmen und Geschichten. Diesem Chor werden Szenen im Dorf sowie Archivaufnahmen gegenübergestellt, die von der ehemaligen Grösse Campiones zeugen
Michele Cirigilano und Anton von Bredow ist mit ihrem Dokumentarfilm Architektur des Glücks ein überraschend vielschichtiges, sensibles und bildstarkes Portrait von Campione d’Italia gelungen. Besonders eindrücklich sind die Innenaufnahmen des fast fensterlosen Baus, die durch unzählige ungenutzte Maschinen und Spieltische, die geschlossenen Restaurants und den leeren Festsaal eine merkwürdige Aura versprühen. Als der Film entstand, eröffnete das Casino überraschenderwiese wieder. Ein neues Konzept und zwei Drittel weniger Angestellte sollen die rund 120 Millionen Euro Schulden beim italienischen Staat begleichen. Architektur des Glücks erzählt vielstimmig und eröffnet historisch wie visuell überraschende Perspektiven. Der in seinem erzählerischen Konzept konsequente und nie wertende Dokumentarfilm gibt den redebedürftigen Betroffenen eine Stimme und bringt uns genauso zum Staunen wie er uns nachdenklich stimmt.