DORIS SENN

BLAME (CHRISTIAN FREI)

«Desinformation wird mutwillig eingesetzt, um Wissenschaftler und Gesundheitsexperten anzugreifen und zu diskreditieren und daraus politischen Nutzen zu ziehen.» Dieses Zitat aus der Fachzeitschrift «Lancet» erschien 2025 zwei Tage vor der Amtseinsetzung Trumps und ist dem Dokumentarfilm Blame als Motto vorangestellt. Dessen Thema: der Ursprung von Covid zwischen Desinformation und Deutungshoheit im Umfeld von Trump und seiner Politkarriere. Das neuste Werk des namhaften Dokumentarfilmregisseurs Christian Frei (War Photographer , 2001, The Giant Buddhas, 2005, Genesis 2.0, 2018) widmet sich damit wie schon seine früheren, preisgekrönten Werke einem grossen, geopolitisch brisanten Thema.
 
2003 verwandelte SARS als erste Epidemie im neuen Jahrtausend Hongkong in eine Geisterstadt. Drei Expert_innen für Zoonose – vom Tier auf den Mensch übertragene Infektionskrankheiten – machten weltweit Furore, als sie den Ursprung von SARS, einem Vorläufer des Coronavirus, auf Fledermäuse zurückführten: Linfa Wang aus Singapur, Zhengli Shi aus China und Peter Daszak aus Grossbritannien/USA. Als sie in der Folge eindringlich vor einer künftigen Pandemie warnten, wollte niemand auf sie hören. Dann kam Covid.
 
In Bann gezogen von der Arbeit der drei Forscher_innen, begann Christian Frei in der Zeit von Covid sich mit dem Thema zu beschäftigen und schildert in einem packenden Dokfilm deren «Werdegang» von gefeierten Forscher_innen zu mutmasslichen Pandemieverursacher_innen. So zeigt Blame, wie die These vom Labor-Leak in Wuhan, dem Zhengli Shi vorstand, viral ging und wie Trump begann, vom «chinese virus» zu sprechen. Wir sehen, wie Peter Daszak und seine Forschungsstiftung, EcoHealth Alliance, ins Schussfeld von Schwurblern und der Trump-Regierung geriet und in der Folge die öffentliche Unterstützung verlor. Und wir sehen, wie der designierte Präsident den Impfgegner Robert F. Kennedy Jr. zum neuen Gesundheitsminister ernennt...
 
In seinem investigativen Dokumentarfilm zeigt Christian Frei nicht zuletzt die Bedeutung von Narrativen auf – sei das nun in Bezug auf Trumps Politkarriere, Stichwort «Wahlbetrug», oder im anmassenden Umgang mit Forschung und Wissenschaft seitens einer diktatorischen Regierung. In vier Kapitel unterteilt, bietet Blame eine Fülle von Informationen und eine schlüssige Interpretation der Geschehnisse. Frei zeichnet dabei nicht nur für Regie und Drehbuch von Blame, sondern auch für Produktion und Editing: ein Autorenfilm durch und durch. Ein pointierter Off-Kommentar des Autors verklammert das vielfältige Bildmaterial von Naturaufnahmen über Zoom-Aufzeichnungen bis hin zu Pandemie-Ansichten von leeren Städten und vollen Spitälern, während Film und Recherche einen thrillerhaften Sog entwickeln. Augenöffnend!
 
Doris Senn
Studium der Romanistik, der Europ. Volksliteratur und der Filmwissenschaft, freie Filmjournalistin seit 1989, Mitglied der CINEMA-Redaktion 1993–2003, Co-Programmation/Leitung queeres Filmfestival Pink Apple 2000–2020, Buchpublikation «Frauenkino Xenia – Zürich» (2024). Lebt in Zürich.
(Stand: 2025)
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