SIMONE GRÜNINGER

OUT OF THE BLUE (MORGANE FRUND)

Out of the Blue liest sich als kritische Auseinandersetzung mit einem Film, den sich Morgane Frund mit 16 Jahren im Kino angesehen hat. Sie war damals frisch vor ihren Eltern als lesbisch geoutet, und dieser Kinobesuch war das erste Date mit ihrer allerersten Freundin. Und sie war enttäuscht. Sie hatte einen Film erwartet, mit dem sie sich endlich identifizieren konnte. Aber was sie gesehen hat, war kein Film für Lesben, sondern einer über Lesben – aus einer heteronormativen männlichen Sichtweise. Zehn Jahre später rechnet sie mit diesem Film ab.
 
Programmatisch eröffnet Morgane Frund ihren Videoessay Out of the Blue mit einem Zitat aus einem Aufsatz von 1975, mit dem die feministische Filmtheorie ihren Anfang genommen hat. Darin stellte die Filmtheoretikerin Laura Mulvey die These in den Raum, dass Film die gesellschaftlich zementierte Auffassung des Geschlechtsunterschieds reflektiere. Man könne keine Alternative aus dem Ärmel zaubern – «there is no way in which we can produce an alternative out of the blue» –, aber man könne beginnen, ebendieses Kino zu untersuchen und diese Strukturen freizulegen. Und genau das macht Morgane Frund in diesem Videoessay: Strukturen freilegen.
 
Den Film, den Frund im Kurzfilm analysiert, nennt sie nicht mit Namen und zeigt auch nicht direkt Bilder daraus. Stattdessen legt sie einen Filter über die Filmausschnitte, sodass die Silhouetten nur schemenhaft in blauen Linien zu erkennen sind. Nicht, weil sie ein Geheimnis daraus machen möchte. Zu offensichtlich ist es, um welchen Film es sich handelt. Zu gut sind die bearbeiteten Filmausschnitte aus Blue Is the Warmest Color zu erkennen; zu naheliegend ist ihre Formulierung im Voice-over: «I looked for its warm color in the movie theatre»; zu perfekt das Wortspiel auf Mulveys «out of the blue». Aber Frund möchte die Bilder des Filmes nicht reproduzieren. Und es spiele auch überhaupt keine Rolle, sagt sie. Es hätte irgendjemand hinter der Kamera stehen können, es hätte irgendein Film sein können. Damit legt sie den Finger auf die Problematik, dass der ‹male gaze› eben keine individuelle, sondern eine strukturelle Herausforderung darstellt.
 
Wie sich schon in ihren vorangegangenen Filmen Mémoires de Méduses (2021) und Ours (2023), der sogar im Rennen um die Oscars dabei war, abgezeichnet hat, prägt Morgane Frund auch in diesem Videoessay einen engen Bezug zu feministischen Themen und Theorien. Mit filmwissenschaftlicher Akribie und einer gelungenen Balance aus Ernst und Witz schafft sie mit Out of the Blue eine sehr zugängliche Herangehensweise an eine anspruchsvolle Thematik – eine, die eben aufzeigt, wie aktuell die Ansätze der feministischen Filmtheorie der 1970er-Jahre auch im 21. Jahrhundert noch sind.
 
Der Film feierte an den Winterthurer Kurzfilmtagen 2023 Premiere.
Simone Grüninger
*1999, studierte Filmwissenschaft im Master des NETZWERK CINEMA CH in Zürich und Lausanne. Danach bei Dschoint Ventschr, wo sie den Filmverleih mitaufgebaut hat, bevor sie zu Praesens-Film gewechselt hat, wo sie heute arbeitet. Ist seit 2023 Mitglied der CINEMA-Redaktion.
(Stand: 2025)
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