SIMON MEIER

OLGA (ELIE GRAPPE)

Kiew, 2013: Die 15-jährige Olga (Anastasia Budiashkina) lebt mit ihrer alleinerziehenden Mutter in der ukrainischen Hauptstadt. Olga lebt für das Kunstturnen und ist im olympischen Team. Die Europameisterschaften stehen kurz bevor. Ihre Mutter ist Journalistin und kritisiert in ihren Artikeln regelmässig die korrupte Regierung unter dem damaligen Präsidenten Wiktor Janukowytsch. Als Olga und ihre Mutter auf dem Heimweg von einem Training von Unbekannten wiederholt mit dem Auto gerammt werden und nur mit Glück davon kommen ist klar, dass Olga bei ihrer Mutter nicht mehr sicher ist. Olga geht in die Heimat ihres verstorbenen Vaters: in die Schweiz. Hier trainiert sie fortan im Sportzentrum in Magglingen, einem verschlafenen Dorf oberhalb des Bielersees.
 
Olga ist Elie Grappes erstes Langspielfilm. Bereits in seinem Kurzfilm Suspendu (CH 2015) fokussierte er sich auf den strengen Trainingsalltag von jungen, ambitionierten Jugendlichen, damals in einer Tanzakademie. In Olga nun lässt Grappe die Welt des Kunstturnens, die in der Schweiz wegen ihrer harschen Trainingsmethoden wiederholt medial in der Kritik stand, mit den Maidan-Unruhen aufeinanderprallen. Grappe fokussiert sich dabei ganz auf die Wahrnehmung der Welt durch die Augen seiner Protagonistin: Man sieht Olga wiederholt in der Dämmerung allein am Stufenbarren ihre Übungen trainieren und hinfallen, im Dunkeln auf der Rennbahn alleine ihre Runden ziehen. Sie übt mit eiserner Disziplin. Den Zugang zu ihren Teamkolleginnen findet sie nur langsam. In diese Blase platzt die Maidan Revolution. Mittels Videotelefonate bleibt sie mit ihrer Mutter und ihrer besten Freundin, die immer noch für das ukrainische Kunstturnkader trainiert, in Kontakt.
 
Die Aufnahmen der Proteste auf dem Majdan-Platz, die Grappe punktuell immer wieder hineinschneidet, sind alle real, wie er in einem Interview anlässlich der Aufführung des Filmes an der Semaine de la Critique in Cannes ausführt. Sie kreieren einen immer stärkeren Sog und steigern Olgas Gefühl, am falschen Ort zu sein. Dieser Kontrast wird durch Einstellungen der abgeschiedenen über dem Bielersee liegenden Sportanlage noch verstärkt. Als Olgas Mutter bei den Unruhen verletzt wird und ihre Freundin in die eskalierende Gewalt hineingezogen wird, will Olga so schnell als möglich nach Hause.
 
Grappe schafft es mit Olga den Schwebezustand seiner Protagonistin, die zwischen ihrer Passion für das Kunstturnen und den Maidan-Unruhen hin- und hergerissen ist, einnehmend zu porträtieren. Der Erstlingsfilm ist der offizielle Beitrag der Schweiz für einen Oskar als bester internationaler Film.
Simon Meier
*1986, Studium der Kunstgeschichte, Filmwissenschaft und Ethnologie an der Universität Zürich. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitet als Bildredaktor bei Keystone-SDA. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2021)
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