SIMON MEIER

WANDA, MEIN WUNDER (BETTINA OBERLI)

Der Schein trügt, der über der scheinbar makellosen Unternehmerfamilie der Wegmeister-Gloors schwebt, die an der Zürcher Goldküste in einer Villa residiert: Der Haussegen steht schief. Bettina Oberli seziert in ihrem neusten Spielfilm die zerrütteten Familienverhältnisse einer Schweizer Oberschichtsfamilie. Der Familienpatriarch Josef (André Jung) muss nach einem Schlaganfall rund um die Uhr gepflegt werden. Dafür wird Wanda (Agnieszka Grochowska), eine polnische Pflegekraft, engagiert. Sie soll Ehefrau Elsa (Marthe Keller) zur Hand gehen. Wanda fügt sich gut in die Familie ein und stösst besonders bei Josef und seinem Sohn (Jacob Matschenz), der gegen seinen Willen die Leitung des Familienunternehmens übernehmen soll, auf grosse Sympathien. Etwas argwöhnischer ist die beruflich erfolgreiche, aber kinderlose Tochter (Birgit Minichmayr). Als Josef Wanda auch um sexuelle Dienste bittet, die er grosszügig vergütet, überschreitet er eine Linie, die das fragile Familiengleichgewicht vollends aus dem Lot bringt: Wanda wird schwanger. Sie verlangt Geld.
 
Oberli präsentiert ihre Geschichte, die sich in ihrem Kern um Arbeitsmigration und eine dysfunktionale Familienbande dreht, als Tragikomödie und Ensemblefilm. Der Ensemblecharakter ist dabei zweifellos die Stärke des Films: Man merkt dem Film Oberlis starke Verbundenheit mit dem Theater an. Marthe Keller, André Jung, Birgit Minichmayr, Anatole Taubman, Jacob Matschenz und Agnieszka Grochowska, fast alle mit Theatererfahrung, spielen die familiären Konflikte mit soviel Bravour aus, wie man sie im Schweizer Film selten sieht. Die zu Beginn etwas aufgesetzt wirkenden, jedoch geschliffenen hochdeutschen Dialoge kommen ihnen dabei zu Gute. Weniger überzeugt der Aspekt der Tragikomödie: Zu versöhnlich will der Film die Thematik abhandeln, insbesondere was die Ausbeutung von Wanda und die Auflösung des Konfliktes anbelangt. Über die persönliche Situation von Wanda, die in Polen als alleinerziehende Mutter zwei kleine Kinder zurückgelassen hat, erfahren wir nebenbei durch kurze Videotelefonanrufe. Dem gegenüber stehen hervorragende Szenen, wie die durchgezechte Nacht, in der die Wegmeister-Gloors das Problem mit der schwangeren Wanda und ihren finanziellen Forderungen zu lösen versuchen: Der makellose Schein der Schweizer Oberschichtsfamilie fällt hier vollends zusammen.
 
Wanda, mein Wunder eröffnete die 16. Ausgabe des Zurich Film Festivals und war in der Kategorie ‹Bester Spielfilm› für den Schweizer Filmpreis nominiert.
Simon Meier
*1986, Studium der Kunstgeschichte, Filmwissenschaft und Ethnologie an der Universität Zürich. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitet als Bildredaktor bei Keystone-SDA. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2020)
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