SIMON MEIER

CINQ NOUVELLES DU CERVEAU (JEAN-STÉPHANE BRON)

Fünf Forscher, fünf unterschiedliche Perspektiven auf das Gehirn, seine Möglichkeiten und das menschliche Bewusstsein präsentiert uns Jean-Stéphane Bron in seinem neuesten Dokumentarfilm. Nichts weniger als Geheimnis, was Bewusstsein denn nun eigentlich genau ist, und ob man es nachbilden kann, versuchen die Forscher zu lüften. Während der Neurowissenschaftler Alexandre Pouget Entscheidungsprozesse studiert und die Ansicht vertritt, dass Bewusstsein in Computern künstlich simuliert werden kann und wir das auch probieren sollten, nimmt Berufskollege Christof Koch demgegenüber eine sehr kritische Perspektive ein: die Entstehung von Bewusstsein sei an körperlicher, biologische Prozesse geknüpft und könne nicht einfach durch Logarithmen reproduziert werden. Niels Birbaumer wiederum untersucht das Bewusstsein von Menschen, die am Locked-in-Syndrom leiden, und nur mittels Gehirn-Computer-Schnittstellen mit der Aussenwelt kommunizieren können. Er sieht die Manipulierbarkeit des Bewusstsein mittels gezielter Stimulation des Gehrins eine der grossen Gefahren der Zukunft. Der Psychologe David Rudrauf versucht künstliches Bewusstsein in Robotern zu erzeugen und psychologische Prozesse wie Soziale Phobie zu simulieren und so besser nachvollziehen zu können. Die Ingenieurin Aude Billard schliesslich will die komplexen Bewegungen, zu denen die menschliche Hand fähig ist, bei Robotern nachbilden.
 
Bron – bereits zwei Mal mit dem Schweizer Filmpreis für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet, einmal für Cleveland Versus Wall Street (FR/CH 2010), sowie einmal für L'Opéra de Paris (FR/CH 2017) – versucht die komplexe Thematik des Ursprungs von Bewusstsein und ihrer Reproduzierbarkeit nicht mittels Erklärstücke sondern durch das Portraitieren der Wissenschaftler, sowohl bei der Arbeit als auch in ihrem Privatleben, zu vermitteln. Das wirkt manchmal sehr authentisch, etwa wenn wir Christof Koch dabei belgeiten, wie er seinen krebskranken Hund verliert, über dessen Bewusstsein er reflektiert oder wenn David Rudrauf beim Abendessen mit einem Arbeitskollegen meint, ein Teil von ihm habe die Welt satt und sehne sich nach Transzendenz in Form eines künstlichen Bewusstseins. Anderseits wirken manche Gespräche auch inszeniert, wenn etwa Alexandre Pouget mit seinem Sohn Hadrien, ebenfalls KI-Forscher, und seiner Tochter über seine Arbeit spricht, über die sie bereits Bescheid wissen. Dennoch erlaubt es gerade die menschliche Perspektive auf die Wissenschaftler, die Forschung und die menschlichen Beweggründe, die dahinter stehen, besser zu verstehen. Alexandre Pouget scheint fast wie ein moderner Frankenstein davon besessen, künstliche Intelligenz mittels Computern zu erzeugen, um die Beschränkungen der menschlichen Denkfähigkeit überwinden zu können, ohne dabei die möglichen Gefahren von KI kritisch zu Ende zu denken.
 
Visuell reizt der Film die Möglichkeiten der Visualisierung von Bewusstsein leider zu wenig aus. Nur nebenbei kriegen wir die Prozesse, die sich in einem Gehirn abspielen, kurz zu sehen, obwohl bildgebende Verfahren wie Neuroimaging es heute ermöglichen, alle möglichen Vorgänge im Gehirn zu visualisieren. Auch kriegt man von der Komplexität der Forschung der fünf Wissenschaftler nur einen oberflächlichen Eindruck. Zu viel Terrain will Bron in der kurzen Zeit behandeln. Dennoch überzeugt Brons Dokumentation durch die hohe Aktualität und Komplexität der Thematik. Cinq nouvelles du cerveau ist in den Kategorien «Bester Dokumentarfilm» und «Beste Filmmusik» für den Schweizer Filmpreis nominiert.
Simon Meier
*1986, Studium der Kunstgeschichte, Filmwissenschaft und Ethnologie an der Universität Zürich. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitet als Bildredaktor bei Keystone-SDA. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2021)
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