DORIS SENN

56. SOLOTHURNER FILMTAGE – «HOME EDITION»

Über die Stadt verstreut – Leuchtquader, die wie immer für die Solothurner Filmtage werben. Auch die Strassenlaternen vom Bahnhof über die Kreuzackerbrücke ins Zentrum leuchten im Filmtage-Gelb. Doch unterwegs war am Abend der Eröffnung einzig ein einsamer Pizzakurier sowie ein paar Spaziergänger_innen mit und ohne Hund. Von der gegenüberliegenden Seite wurden Bilder aufs Landhaus projiziert: Filmstills und Statements von Regisseur_innen. Schön anzusehen mit der Spiegelung auf dem dunklen, ruhigen Aarewasser. Nur kaum jemand da, um es wahrzunehmen. Zwei einsame SRG-Autos, ein paar Leute drum herum. Monika Schärer und Guy Parmelin. Immerhin. Beim Uferbau kein Mensch, alles dunkel. Nur zwei beleuchtete Filmtage-Fahnen, die sich sanft bewegen. «Kreuz» und Landhaus ebenfalls ohne Licht. In der Reithalle – das Impfzentrum. Schlange stehen muss man dort auch, aber ohne roten Teppich und Glamourfaktor. Solothurner Filmtage zu Zeiten von Corona...

«We're Doing Things Differently This Year»

«Home Edition» nannten die 56. Filmtage die diesjährige Ausgabe mit einem Augenzwinkern. Letztes Jahr waren die Filmtage noch unbehelligt davongekommen. Ein Clip zeigt im Rückblick die Ansprache von Alain Berset. Volle Kinos. Gedränge und Gewusel in Gassen und Beizen. Partys. Wie fern das alles scheint! Schon wenig später gab es die ersten Absagen (Fribourg), die erste Online-Durchführung (Nyon), eine Hybridversion für Locarno, während das ZFF im September dann, mit Beschränkungen zwar, aber doch stattfand. Ab Oktober – der Backlash: Die Schweiz schlitterte mit den steigenden Fallzahlen in den unausweichlichen Lockdown. Was Solothurn keine andere Wahl liess als die Online-Version. Womit die Filmtage in guter Gesellschaft sind: Auf der anderen Seite der Erdkugel findet fast gleichzeitig das weltweit renommierte Indie-Festival Sundance statt. Ebenfalls online. «We're Doing Things Differently This Year.» Wie wahr. Und auch wir können ja mittlerweile nicht nur Corona, sondern auch Onlinefestivals. Angesichts der eisigen Temperaturen, dem Schnee und vor allem im Wissen um die hart umkämpften Beizenplätze bleibt man für einmal gar nicht so ungern in der warmen Stube, lümmelt sich aufs Sofa, stellt den Weisswein kalt – für ein Festival ohne Dichte- und ohne Ticketstress: Nur in der Schweiz war der Zugang möglich und mit 1000 ein (hoch)gesetztes Verkaufslimit pro Film.

211 Titel – rund zur Hälfte Lang- und Kurzfilme

211 Titel standen im Angebot, rund 100 Langfilme und davon immerhin 18 Weltpremieren. Doch wer kann, bevorzugt – und dies schon seit längerem – für die Erstaufführung Festivals mit internationaler Ausstrahlung. Und doch finden sich einige (ungesehene) Perlen im Programm – etwa De la cuisine au parlement. Edition 2021 von Stéphane Goël, der seine Version des Films von 2011 zum diesjährigen 50-Jahr-Jubiläum des Schweizer Frauenstimmrechts aktualisiert hat. Der Westschweizer Regisseur rollt darin – dicht, informativ und unterhaltsam – den über 100 Jahre dauernden Kampf für das Frauenstimmrecht auf. Denn so lange ging es, bis die Schweiz (nach mehr als 80 Abstimmungen!) auf Bundesebene endlich, endlich das Stimmrecht für Frauen einführte. Nebst spannendem Archivmaterial erhalten darin einige der Wegbereiterinnen das Wort – etwa die Frauenrechtlerin Marthe Gosteli (1917–2017), die Walliserin Gabrielle Nanchen, die 1971 als eine der ersten Frauen in den Nationalrat gewählt wurde, oder die erste Bundesrätin (1984–1989) Elisabeth Kopp. De la cuisine passte auch wunderbar zum Schwerpunkt «Pionierinnen», den die Filmtage in Zusammenarbeit mit der Cinémathèque Suisse zusammenstellten, um den frühen Filmemacherinnen Hommage zu erweisen – so Gertrud Pinkus, Tula Roy oder Lucienne Lanaz und ihren bahnbrechenden Werken aus den Siebzigern.

Kindheits- und Familiengeschichten

Als Weltpremiere zu sehen war Burning Memories von Alice Schmid, die sich mit Die Kinder vom Napf (2011) einen Namen gemacht hatte. In Burning Memories erzählt die nun 70-jährige Autorin, die sich in ihrem Werk seit je für Kinder und ihre Unversehrtheit starkgemacht hat, wie die Begegnung mit einem Gemälde von Edvard Munch – ein nacktes Mädchen, auf einem Bett sitzend, dahinter ein grosser Schatten – ihr ein fatales Ereignis aus ihrer Jugend in Erinnerung rief: eine Vergewaltigung während eines Sommercamps. Der Schock hatte die Filmemacherin das Vorgefallene «vergessen» lassen, um doch ihr Leben zu prägen. Schlaflosigkeit, die Angst vor Berührungen und Beziehungen waren Konstanten in ihrem Sein, ohne dass deren Ursprung in all den Jahren fassbar geworden wäre. Nun sucht Alice Schmid Klarheit und Heilung. Sie will die Wüste durchwandern – und erst dann heimkehren, wenn sie das Geschehene in Worte fassen kann. Der Film dokumentiert den Prozess, den die Filmemacherin mittels ihr vertrauter Rituale zu meistern sucht – etwa durch Zählen: Sie zählt ihre Schritte, vorwärts, rückwärts, und taucht – vor den lichten Bildern einer überirdisch schönen Landschaft – in ihre Kindheit ein. Eine Kindheit, die auch den Stempel einer gewalttätigen Mutter trägt. Alice Schmid findet in Burning Memories eine Erzählweise, die tief berührt, aber nicht erdrückt. Sie setzt anhand Fotografien aus ihrer Kindheit immer wieder von neuem an, um die Vergangenheit auszuloten und das fatale Ereignis dann buchstäblich zu «verbrennen», in der Hoffnung, es so überwinden zu können.

Ebenfalls eine traumatisierende Kindheitsgeschichte – wenn auch ganz anderer Art – erzählt Farewell Paradise, der seine Weltpremiere vor einem Jahr in Rotterdam erlebte und von der in Amsterdam lebenden Sonja Wyss (Winterstilte, 2008) stammt. Es ist die Geschichte einer Familie, die auf den Bahamas ein sorgloses Leben lebt. Bis eines Tages die Mutter mit den vier Töchtern – ein Seitensprung ihres Mannes ist der Auslöser – Hals über Kopf abreist. In eine kalte, zugeknöpfte 70er-Jahre-Schweiz, in der die Mutter ohne Geld dasteht und mit der Erziehung ihrer Töchter heillos überfordert ist. Wieder ist es eine Auseinandersetzung mit einer «weggeschlossenen» Vergangenheit, die die Filmemacherin in Gesprächen mit Mutter, Vater und den Schwestern ans Licht holt, um die sehr unterschiedlichen Wahrnehmungen derselben Realität miteinander zu konfrontieren und sich mit dem lange Verdrängten auszusöhnen.

Eher Nachlese als spritzige Primeurs

So bargen die seit Jahren vor allem zur «Nachlese» mutierten Filmtage viele bereits bekannte Filme wie Rolf Lyssys Eden für jeden, Bettina Oberlis Wanda, mein Wunder, Stefan Haupts Zürcher Tagebuch, Hexenkinder von Edwin Beeler, Schwesterlein von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond oder Rolando Collas W. – Was von der Lüge bleibt. Nur wenige der gezeigten Titel haben, nicht nur wegen Corona, ihre Kinoauswertung noch vor sich – etwa Das neue Evangelium von Milo Rau, der seine Weltpremiere am Dokfilmfestival IDFA in Amsterdam feierte. In seinem jüngsten Werk reinszenierte der Regisseur/Dramaturg in Matera die Kreuzigung Jesu. Die süditalienische Stadt war schon Schauplatz für Il vangelo secondo Matteo von Pier Paolo Pasolini und The Passion of the Christ von Mel Gibson gewesen. «Die Löcher auf dem Hügel sind schon da, du kannst das Kreuz bloss reinstecken», meint Rau mit leiser Ironie zu seinem Protagonisten. Doch Rau wäre nicht Rau, würde er nicht – wie in seinen übrigen Werken – ungeniert verschiedene dramaturgische Formen und Erzählstränge miteinander verknüpfen und dabei auch selbst im Film prominent in Aktion treten. Das neue Evangelium verbindet so in einem durchaus ausdrucksstarken Miteinander Theater, Reportage, Film, Dokumentation und Selbstdarstellung, Gestern und Heute, biblische Bilder mit dem engagierten Kampf für die afrikanischen Erntehelfer, die dort in prekären Verhältnissen hausen und arbeiten.

Der Filmkritik den Puls fühlen

Die Solothurner Filmtage umfassten auch eine Fülle von Filmgesprächen, Workshops, Filmbrunchs, und, und, und. Das allermeiste per Zoom, einiges live vor Ort. Ein Fokus war der Filmkritik gewidmet – und den Veränderungen, denen diese durch den Umbruch der Medien- und Kinolandschaft, durch Digital Natives und das Streaming ausgesetzt ist. Von Corona ganz zu schweigen.

Zum einen wurde dabei deutlich, wie schwierig es ist, über so etwas wie «Filmkritik» überhaupt zu sprechen («Postpandemische Filmkritik»). Aber auch, wie schwierig es ist, Prognosen zum Weiterbestehen des Kinos zu machen (etwa in der Diskussion «Im Kino» – wo man den Bezug zur Schweiz anhand zweier Projekte in Paris und Berlin schmerzlich vermisste). Am interessantesten war da die Runde zur «Filmkritischen Autorität», die mit dem Literaturwissenschaftler Johannes Franzen, der «Spiegel»-Filmkritikerin Hannah Pilarczyk und WOZ-Filmkritiker Florian Keller bestückt war. Da war von einer «Legitimierungskrise» der etablierten Kritik und ihrer nachlassenden «Gatekeeper»-Funktion die Rede, wenn es um die Beurteilung von Neuerscheinungen geht. Nicht nur würden Mainstreamproduktionen zunehmend an der Kritik vorbeigeschifft – weil man genug Online-Kanäle habe, um Filme zu promoten und man direkt mit der potenziellen «Fanbase» in Kontakt treten könne. Sondern man sehe sich mit den sozialen Medien auch einer «diskursiven Machtverschiebung» gegenüber, die den klassischen Kritikerinstanzen Autorität und Deutungsmacht zunehmend absprächen, um sie dem Publikum, den Fans, ja den Kreativen selbst zurückzugeben. Kommt noch dazu, dass sich Feuilletons sowie Filmzeitschriften eh Sorgen um ihre Leserschaft machen (müssen) in dieser Zeit stetig wachsender Digitalisierung. So habe denn die Pluralität der Kritik extrem zugenommen, meinte etwa Keller, was andererseits aber, so Pilarczyk, die Bedeutung der Mundpropaganda erhöhe – und damit auch jene von Influencer_innen. Die Moderatorin der Runde fügte ihrer grundsätzlichen Frage nach dem Wesen der Kritik abschliessend ein doch sehr schönes Zitat von André Bazin an, das hier wiedergegeben sei: Die Funktion der Kritik sei nicht, auf einem Silbertablett Wahrheiten zu präsentieren, die es so nicht gebe, sondern so weit wie möglich, den «Schock» eines Kunstwerks in der Intelligenz und der Sensibilität jener zu verlängern, die ihm gegenüberträten...

Auftakt zum Jahr der Frauen – ein weiblicher Palmarès

Der Filmtage-Trailer stand für einmal ganz im Zeichen der Frauen und läutete so – nebst den Pionierinnen – unmerklich auch das feministische Jubiläumsjahr ein. So war es nur mehr als recht, dass die drei Hauptpreise der Filmtage allesamt an Frauen gingen: der Prix de Soleure an Andrea Staka für ihr Beziehungsdrama Mare, der Prix du Public an Gitta Gsells Coming-out-Film Beyto sowie der zum ersten Mal verliehene «Opera Prima»-Preis an die Newcomerin Stefanie Klemm für Von Fischen und Menschen. Etwas, das auch SWAN (Swiss Women's Audiovisual Network), die sich für Gender Equality im Film einsetzen und seit zwei Jahren die Filmtage zu seinen Verbündeten zählt, gefreut haben dürfte: Rund ein Drittel aller Filme an den Filmtagen waren von Frauen – in den drei Wettbewerbssektionen herrschte gar Parität. Grundsätzlich ist Anita Hugi, die ihre zweite Ausgabe der Filmtage leitete, zufrieden mit der diesjährigen Online-Edition, die doch immerhin rund 30'000 Filmzuschauer_innen verzeichnete – und ein Vielfaches mehr, was Besucher_innen von Festival-Website und Rahmenveranstaltungen betrifft. Und wie schreibt die Pressestelle so schön zum Abschluss: Nach den Filmtagen ist vor den Filmtagen – dann aber hoffentlich wieder vor Ort und im gewohnten Gedränge und Gewusel!

Doris Senn
Freie Filmjournalistin SVFJ, lebt in Zürich.
(Stand: 2020)
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