SIMON MEIER

ONLINE-FESTIVALAURA, VORAUS- UND RÜCKBLICKE: DAS 73. LOCARNO FILM FESTIVAL

Das Festivaljahr hatte gut begonnen, die 55. Solothurner Filmtage mit der neuen Direktorin Anita Hugi waren erfolgreich über die Bühne gegangen, ebenso die 70. Ausgabe der Berlinale. Die prestigeträchtigen Filmfestspiele von Cannes standen vor der Tür. Spätestens Anfang März, als die Fallzahlen auch in Europa immer dramatischer zunahmen und die WHO am 11. März den Virusausbruch offiziell zu einer Pandemie erklärte, dämmerte es wohl auch vielen in der Kulturbranche, dass 2020 kein normales Jahr werden würde. Ende April kommunizierte die Festivalleitung von Locarno, dass die diesjährige Ausgabe nicht in gewohnter Form stattfinden würde. Der Bundesrat hatte ein Verbot für Grossanlässe mit mehr als 1'000 Personen bis Ende August verhängt. Locarno machte – wie auch zahlreiche andere Filmfestivals – die Not zur Tugend, und verlagerte seine 73. Ausgabe hauptsächlich ins Internet. Anders aber als etwa das Visions du Réel entschied man sich jedoch dagegen, die internationalen Wettbewerbsbeiträge der Spiel- und Dokumentarfilmsektionen im Internet zu zeigen. Stattdessen entschloss sich die Festivalleitung dazu, von der Pandemie betroffene Filmemacher_innen zu fördern. Die Sektion «The Films After Tomorrow» war geboren. Für diese wurden von der künstlerischen Leitung und den Festivalkuratoren_innen zehn internationale und zehn Schweizer Filmprojekte ausgewählt, die wegen der Pandemie an ihrer Fertigstellung gehindert wurden.

Die Zuschauerin in der Rolle eines Filmproduzenten

Die ausgewählten Filmemacher_innen bekamen danach die Aufgabe, ihre Projekte in schriftlicher Form und mittels eines kurzen Videostatements der Festivaljury und dem Publikum zu präsentieren. Diese ungewöhnliche Präsentationsform machte den besonderen Reiz der diesjährigen Ausgabe aus. Für einmal konnten die Zuschauer_innen nicht fertige Filme konsumieren und über diese urteilen und diskutieren, sondern sich anhand der Produktionsbeschriebe und der Statements der Regisseure_innen ihre eigenen Filme ausmahlen und darüber befinden, ob sie die präsentieren Filmvisionen überzeugten. Als Zuschauer schlüpfte man dadurch das erste Mal in die Rolle eines Produzenten, der anhand von Projektskizzen über ein Filmprojekt zu befinden hat. Das dabei die Präsentationsform ein ausschlaggebendes Kriterium sein würde, ist bei einem Medium wie dem Film, das von Form und Ästhetik lebt, offensichtlich. Dennoch wählten die Regisseure_innen in ihren Videostatements sehr unterschiedliche Herangehensweisen. So versuchte Lisandro Alonso erst gar nicht, die Geschichte und das Konzept seines ungewöhnlichen Western Eureka, der in drei verschiedenen Zeiten in den USA und im Amazonasregenwald spielt, zu erklären. Dies sei unmöglich, hielt er in seinem Statement lapidar fest. Stattdessen nannte er seine Email-Adresse und hielt das Aktbild «L’origine du monde» von Gustave Corbet ins Bild. Juliana Rojas präsentierte ihren Spielfilm Cidade; Campo über zwei Migrationsschicksale mittels Storyboards, über die sie die Handlung des Filmes nacherzählte und das Filmkonzept, das mit Motiven von Existenzialismus, Supernaturalismus und Materialismuskritik spielt, kurz erläuterte. Miguel Gomes wiederum präsentierte seinen Spielfilm Selvajaria (Savagery) , eine Buchadaption von Euclides da Cunha über den Bürgerkrieg von Canudos Ende des 19. Jahrhunderts im Hinterland von Brasilien, mittels Testaufnahmen am Drehort, über die er das Filmkonzept ausführte.

Der Gewinnerprojekt in der internationalen Sektion von «The Films after Tomorrow», Chocobar von Lucrecia Martel, erzählt die wahre Geschichte des ermordeten Aktivisten und Häuptlings der indigenen Diaguita, Javier Chocobar, der sich in Argentinien gegen die Zwangsenteignung seines Volkes durch einen Grossgrundbesitzer werte. Martel präsentiert Aufnahmen des Mordes, die Stammesmitglieder von Chocobar während Gesprächen mit dem Grossgrundbesitzer anfertigen und später auf Youtube stellten. Das Gespräch eskalierte in der Ermordung von Chocobar. Martel zeigt Ausschnitte der Aufnahmen wiederholt in Zeitluppe und erklärt, dass sie in ihrem Film den gesellschaftlichen und geschichtlichen Voraussetzungen der Unterdrückung der indigenen Bevölkerung Argentiniens nachgehen will, welche die Ermordung von Chocobar auf diese Art und Weise erst möglich gemacht haben. Diese Aussagen nimmt sie während einer nächtlichen Autofahrt auf, bei der sie eine Hygienemaske trägt. Der Film soll ein subjektiver, hybrider Dokumentarfilm werden, der auch mit Animationen arbeitet, wie sie im Videointerview mit Lili Hinstin anlässlich der Preisverleihung ausführt. Martel will anhand des Filmes auch einen kritischen Blick auf weisse Denkweisen und weisse Geschichtsschreibung gegenüber den indigenen Völkern Argentiniens und Südamerikas werfen, die traditionell meist keine schriftliche Dokumente ihrer Vergangenheit haben.

Auch die Schweizer Filmprojekte in der nationalen Sektion von «The Films after Tomorrow» zeichneten sich durch ein breites Themenspektrum und sehr unterschiedliche Präsentationsweisen aus. Elie Grappes Spielfilm Olga war beim Ausbruch der Pandemie schon zur Hälfte fertig gedreht. 14 von 33 Drehtaten fehlten noch. So kann er in seinem Videostatement mit Hilfe des bereits vorhandenen Materials einen detaillierten Einblick in die Erzählweise seines Filmes geben, der die Coming-of-Age Geschichte einer 15-jährigen ukrainischen Turnerin in der Schweiz erzählt, deren Verwandte unversehens in die Maidan Revoltion hineingezogen werden. Cyril Schäublin präsentiert sein neues Projekt Unrueh auf einer überdachten Holzplattform in einem Wald, eine Taschenuhr in der Hand haltend. Sein zweiter Spielfilm spielt in der Uhrenstadt Saint-Imier Endes des 19. Jahrhunderts. Er begleitet eine junge Frau, die in einer Uhrenfabrik arbeitet und Teil der anarchistischen Bewegung wird, die in Saint-Imier, als einem lokalen Hotspot der Industrialisierung und Treffpunkt von Anarchisten verschiedener Länder, gedeiht. Schäublin betont, dass er wie schon in Dene wos guet geit (CH 2017) statische Szenen schaffen will, oft Zustände nahe der Ereignislosigkeit, in denen Dialoge und Dinge passieren können.

Das Gewinnerprojekt der Schweizer Sektion, Zahorí, von Marí Alessandrini, spielt in der patagonischen Steppe Argentiniens, in der das 13-jährige Mädchen Mora mit ihren Eltern aufwächst. Mora fühlt sich von ihren Eltern und der Schule entfremdet. Um ihrem Freund Nazareno, einem alten Mann des Mapuche-Stammes zu helfen, der sein Pferd Zahorí in der Steppe verloren hat, läuft sie immer tiefer in die Wüste hinein. Alessandrini präsentierte ihr Projekt durch reines Nacherzählen und Erläutern des Filmkonzeptes, obwohl der Film bereits fertig gedreht wurde. Im Videointerview mit Lili Hinstin erklärt Alessandrini, dass sie in ihrem Film, einem zeitgenössischen Western, einen weiblichen Blick auf die von machohaftem Verhalten geprägten Gaucho-Kultur in der patagonischen Steppe werfen will. Anhand der Freundschaft des Mädchens mit Mapuche soll gleichzeitig die Marginalisierung der indigenen Bevölkerung in Südamerika thematisiert werden.

Online-Festival

Die Sektion, die von der Verlagerung ins Internet am wenigsten tangiert wurde, war der Kurzfilmwettbewerb «Pardi di domani». Alle 43 Wettbewerbsbeiträge konnten zwischen dem 5. und 15. August über die Video-On-Demand Plattform des Festivals aber auch in Kinos in Locarno visioniert werden. Mit der Installation der erforderlichen Technik und Streamingplattform hat das Festival auch eine Investition in die Zukunft des Festivals getätigt, wie Raphaël Brunschwig, COO des Festivals, in einem Videointerview erklärt. Man will auch nach der Pandemie versuchen, den Zuschauern_innen mehr digitale Inhalte zu präsentieren und so auch Bevölkerungsgruppen in verschiedenen Weltteilen erreichen, die physisch ohnehin nicht ans Festival kommen könnten.

Der Preis für den besten internationalen Kurzfilm ging an I ran from it and was still in it (US 2020) von Darol Olu Kae, der in seiner Familiengeschichte über den Tod des Vaters und die Trennung von den Kindern persönlichen Aufnahmen mit Found Footage vermischt. Die Ausszeichnung für den besten Schweizer Kurzfilm ging an Jonas Ulrich für Menschen am Samstag (CH 2020), der in zehn statischen Tableaus die Alltagssorgen von Menschen in Zürich zeigt.

In der Sektion «A Journey in the Festival’s History» wurde mittels zwanzig Filme ein Blick zurück in die Geschichte des Festivals geworfen. Die Beiträge wurden von den zwanzig Filmemachern_innen des Wettbewerbteils «The Films After Tomorrow» ausgewählt, und liefen sowohl in drei Kinos in Locarno als auch online. Die internationale Sektion «Open Doors», in der zehn Langspielfilme und Kurzfilme aus Indonesien, den Philippinen, Malaysa und Myanmar gezeigt wurde, fand ausschliesslich im Internet statt.

Online-Festivalaura

Was Locarno als Festival natürlich ausmacht, ist der intensive zwischenmenschliche Aspekt, die Diskussionen zwischen den Filmemachern_innen und den Zuschauern, das ins Gespräch kommen mit anderen Cinephilen, die Buhrufe oder der Applaus am Ende einer Filmvorführung. Diese Festivalaura versuchten die Festivalorganisatoren mittels zahlreichen Online-Panels immerhin ansatzweise zu bewahren. So gab es im Rahmen der «Filmmakers Academy» eine Masterclass mit Miguel Gomes, bei der angehende Filmemacher_innen aus allen Erdteilen mit ihm über sein Filmemachen diskutieren konnten. In Rahmen des Fensters «Young Swiss Cinema» traten Cyril Schäublin und Ellie Grappe in Konversation mit Studenten_innen aus Italien und der Schweiz. So entstand zumindest ansatzweise das Gefühl eines gemeinsamen erlebten Festivals. Die Aura von Locarno wirklich wieder aufleben lassen die anlässlich der diesjährigen Ausgabe online veröffentlichten Gespräche mit Filmemachern_innen aus den vergangenen Festivalsausgaben: Hier sind so klingende Namen wie Ennio Morricone, Agnès Varda, Isabelle Hupert, Jean-Luc Goddard, Nanni Moretti, Susan Sarandon oder Wim Wenders dabei. Man darf gespannt sein, wie die Festivalverantwortlichen bei den kommenden Ausgaben versuchen werden, die digitalen Angebote, die sie für die diesjährige Edition erarbeiteten haben, in das Festival zu integrieren und zu erweitern, so dass Locarno in Zukunft auch ausserhalb der Festivalzeit und über Europa hinaus Aufmerksamkeit erhält.

Simon Meier
*1986, Studium der Kunstgeschichte, Filmwissenschaft und Ethnologie an der Universität Zürich. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitet als Bildredaktor bei Keystone-SDA. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2020)
[© cinemabuch – seit über 60 Jahren mit Beiträgen zum Schweizer Film  ]