NOEMI DAUGAARD

SUOT TSCHÊL BLAU (IVO ZEN)

Während der 1980er- und 1990er-Jahren ist das Oberengadin Schauplatz einer Krise: Jugendunruhen und Heroinkonsum schwappen aus Zürich in die Berge über und finden in den rebellionsfreudigen Jugendlichen rund um Samedan dankbare Abnehmer. In der Folge sterben zahlreiche junge Menschen.
 
In Suot tschêl blau (Under Blue Skies) widmet sich Ivo Zen erneut, nach Zaunkönig – Portrait einer Freundschaft (2016) dem Drogenkonsum und dessen Folgen. In seinem neusten Film gibt Zen den Hinterbliebenen und Überlebenden dieser Heroinkrise eine Stimme – teilweise sprechen sie zum ersten Mal über das Erlebte. Tatsächlich wird im Verlauf des Filmes schnell klar, dass die engmaschige Lebensrealität des Dorfes, geprägt von konservativen Einstellungen und sozialer Kontrolle, jegliche Bewältigung der Vergangenheit jahrzehntelang verunmöglicht hat. So übten sich damals wie heute viele Samedaner darin, den Blick abzuwenden, die Ereignisse zu verschweigen oder anderen die Schuld für die Geschehnisse zu geben.
 
Der blaue Himmel über Samedan wird in diesem Film zu einer ambivalenten Kulisse und symbolisiert nicht mehr nur die Schönheit und Unendlichkeit der Natur, sondern steht auch in starkem Kontrast zur Realität im engen, kalten und konservativen Oberengadiner Dorf. So ist es nicht überraschend, dass Zen selbst in einem YouTube Q&A sagte, der viele Schnee, der im Film zu sehen ist, sei ein Sinnbild für die Kälte der Menschen und die unterkühlten Umgangsformen im Bergdorf.
 
Zens Film macht sich also daran, die Vergangenheit in den Vordergrund zu rücken, nicht ganz ohne Widerstand aus der Bevölkerung. Anhand von Objekten, Fotografien und Interviews wird im Film die Geschichte der Heroin-Krise in Samedan in den 1980er- und 1990er-Jahren aufgerollt. Die einzelnen Objekte werden dabei zu Trägern individueller Erinnerungen, die der Film zu einer fragmentarischen Historiografie spinnt. Dieser Erzählgestus entbehrt in bestimmten Momenten nicht einer gewissen Theatralik, funktioniert aber im Kontext dieses Filmes, der als gemeinschaftliches Erzählen verdrängter Tatsachen zu einer Art kollektiver Trauma-Bewältigung wird.
 
Suot tschêl blau ist eine wichtige Aufarbeitung der Heroinkrise abseits des Brandherds Zürich und ein Mahnmal an die aktiv praktizierte Erinnerung. Der Film feierte seine Weltpremiere im nationalen Wettbewerb der diesjährigen Online-Ausgabe des Filmfestivals Visions du réel.
Noemi Daugaard
*1990, wuchs in einem abgelegenen Tessiner Tal auf und studierte in Zürich Filmwissenschaft, Anglistik und Kunstgeschichte. Sie ist aktuell Doktorandin am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich.
(Stand: 2020)
[© cinemabuch – seit über 60 Jahren mit Beiträgen zum Schweizer Film  ]