SIMON MEIER

IMMER UND EWIG (FANNY BRÄUNING)

Ein älterer Mann und eine ältere Frau im Rollstuhl fahren in einem Camper durch die malerischen, mediterranen Landschaften Griechenlands und Italiens. Der Mann steigt immer wieder aus und streift umher, um zu fotografieren. Die Frau wartet derweil im Wohnwagen. Fanny Bräuning hat mit Immer und ewig, dem diesjährigen Gewinner des Schweizer Filmpreises für den besten Dokumentarfilm, ein sehr intimes Portrait ihrer Eltern geschaffen. Es geht dabei im Kleinen um die grossen Themen der menschlichen Existenz: um Selbstverwirklichung, Lebenswillen, Liebe und Tod. Diese existentiellen Themenkomplexe behandelt Bräuning durch die einfühlsame und ungeschminkte Dokumentation der Beziehung ihrer Eltern. Mutter Annette Bräuning, Grafikerin, erkrankt im Alter von dreissig Jahren an multipler Sklerose. Nicht viel später ist sie vom Hals abwärts gelähmt. Vater Niggi Bräuning ist ursprünglich Fotograf und kümmert sich zeitlebens um seine stark pflegebedürftige Frau. Sein Beruf gibt er dafür auf.
 
Bräunings gelingt es durch die ausgewogene Kombination von beobachtender Dokumentation, dem aktiven Befragen ihrer Eltern und dem Einspielen von privaten Archivaufnahmen und Fotografien ein nuancenreiches Bild der aufopferungsvollen und gleichzeitig bedingungslosen Beziehung ihrer Eltern zu zeichnen. Der Film beeindruckt dabei vor allem durch die grosse Menschlichkeit und Herzlichkeit von Bräunings Eltern und deren Begeisterungsfähigkeit für die unscheinbaren, kleinen Schönheiten des Lebens. Trotz der starken Beeinträchtigung von Annette Bräuning wollen sie das Leben in vollen Zügen geniessen und sich nicht einschränken lassen. Niggi Bräuning fotografiert voller Eifer Landschaften und Alltagsszenen. Auch Annette Bräuning ist als gelernte Grafikerin an ästhetisch schönen Momenten interessiert und geniesst den Blick auf die vor dem Camper vorbeiziehende Szenerien. Der Film beginnt bezeichnenderweise mit einer gemalten Sequenzabfolge von Annette Bräuning, die eine Frau zeigt, bei der schrittweise einzelne Kleidungsstücke und dann einzelne Körperteile verschwinden, bis nur noch eine Landschaft zurückbleibt.
 
Filmisch ist Immer und ewig ein Hybrid zwischen klassischer Dokumentation mit Voice-Over, selbstreflexivem Dokumentarfilm in der Tradition des Cinéma vérité und beobachtendem Roadmovie. Als Erzählerin tritt Fanny Bräuning selber auf. Aus dem Off und manchmal auch selber vor der Kamera reflektiert sie über die Beziehung und die Persönlichkeiten ihrer Eltern und bringt sich so selber als dritte Protagonistin ins Spiel. Über weite Strecken des Films hat man dann hingegen wieder das Gefühl, dass Bräunings Eltern die Kamera gar nicht richtig wahrnehmen, bis Bräuning plötzlich aus dem Off eine Frage an ihre Eltern stellt oder diese sie direkt ansprechen. So entsteht ein bestechender Mix zwischen Momenten, die völlig unverfälscht wirken und der aktiven Reflexion der Eltern über ihre eigene Situation.
 
Neben dem Schweizer Filmpreis für den besten Dokumentarfilm gewann Immer und ewig auch den Swiss Film Award für die beste Filmmusik, den Prix de Soleure 2019 der Solothurner Filmtage und den Zürcher Filmpreis für den besten Dokumentarfilm.
Simon Meier
*1986, Studium der Kunstgeschichte, Filmwissenschaft und Ethnologie an der Universität Zürich. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitet als Bildredaktor bei Keystone-SDA. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2020)
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