DORIS SENN

DIE FRUCHTBAREN JAHRE SIND VORBEI (NATASCHA BELLER)

Leila erfährt an der Hochzeit ihrer Schwester das sorgsam gehütete Geheimnis: Die erfolgreiche Karrierefrau Amanda heiratet nicht nur, sie ist auch noch schwanger! Leila macht es öffentlich und erntet zur Strafe den Brautstrauss. Und da wird der 34-Jährigen so richtig klar: Sie will auch eins. Oder besser: muss eins haben. Wie alle anderen. Doch der Freund, vors Ultimatum gestellt, sucht das Weite. Und so stürzt sich Lea mit ihrer Freundin Sophie als Ü-30 ins Nachtleben. Ein Höllentrip. Und sehr amüsant.
 
Das «Ticken der biologischen Uhr»: Es ist sprichwörtlich, und kaum eine Frau im gebärfähigen Alter kommt daran vorbei. Umso weniger in Zeiten des grassierenden Babybooms. Mit viel komödiantischem Geschick erzählt Natascha Beller (Deville SRF-Late-Night-Show) von dem, was Frauen über dreissig heute umtreibt: Kinder, Beziehung, Karriere – die Erwartungen sind hoch, der Druck gross. Da ist die hochschwangere Amanda (Sarah Hostettler), der die Projektleitung ihres Traum-Bauprojekts genau zu dem Zeitpunkt angeboten wird, als sie mit Geburt und Baby genug zu tun hat und sich zudem gegen die Ambitionen ihrer übereifrigen Assistentin zur Wehr setzen muss. Da ist die alleinerziehende Sophie (Anne Haug), die nebst ihrem Job und coolem, aber unzuverlässigem Teilzeitvater die Betreuung der Tochter weitgehend alleine schmeisst (und ihr Sexleben irgendwie auch noch). Und da ist Leila (eine grossartige, clownesk und doch nuanciert spielende Michèle Rohrbach), die auf all den neuzeitigen Dating-Bühnen nach der grossen Liebe sucht – oder besser: dem geeigneten Samenspender.
 
Dicht, witzig, rasant erzählt Beller in ihrem Regiedebüt für die grosse Leinwand die Geschichten von Leila, Amanda und Sophie. Und dies nicht nur in wohltuend ungestelzten Dialogen, sondern auch einem Plot, der mit originellen Ausstattungen, frechen Kameraperspektiven und viel kecken Einfällen punktet. Mal ergänzt eine Zeichenanimation Sophies Gutenachtgeschichtlein für ihre Tochter. Mal wird Leilas Bräutigamsschau in der Vorstadt-Chnelle zum Western-Highnoon. Oder die Wunschkinder erscheinen ihr als Geisterschemen, während sie Dating-Plattformen durchforstet.
 
Natascha Beller hat in Zürich Film und in New York Drehbuch studiert, seit 2011 arbeitet sie als freie Autorin für Film und Fernsehen. Die 37-jährige Filmregisseurin erzählt mit Die fruchtbaren Jahre sind vorbei von sich und ihrer Generation, und bezeichnet den Film, in dem für einmal die Frauen im Mittelpunkt stehen und die Männer die Sexobjekte sind, als «Statement für die Gleichberechtigung». Erfrischende Gags und eine freche Inszenierung machen Die fruchtbaren Jahre sind vorbei zu einem funkelnden Stern am Himmel der Schweizer Komödie.
Doris Senn
geb. 1957, Studium der Romanistik und der Filmwissenschaft, seit 2001 in der Leitung und Programmation des schwullesbischen+ Filmfestivals Pink Apple – als freie Filmjournalistin tätig.
(Stand: 2019)
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