ALAN MATTLI

DAS LEBEN IST EINES DER LEICHTESTEN (MARION NYFFENEGGER)

Animation ist die Illusion der Lebendigkeit. Es gilt, dem toten Material – der Zeichnung, der Plastilinfigur, dem Computercode – «Leben einzuhauchen» (lat. «animare»), es so zu manipulieren, dass der Eindruck von Realität entsteht, wenn auch bloss durch das Mittel der Abstraktion. Marion Nyffeneggers Bachelor-Abschlussfilm Das Leben ist eines der Leichtesten, der beim diesjährigen Filmfestival in Locarno gezeigt wurde, denkt diesen Grundsatz auf spannende Art und Weise weiter.
 
Denn für Nyffenegger ist Abstraktion nicht bloss eine unausweichliches Bedingung des Mediums, in dem sie arbeitet, sondern ein fundamentales ästhetisches und narratives Mittel. Mithilfe von ausdrucksstarken Kohlezeichnungen illustriert sie, was ihr fünf Menschen aus ihrem Leben erzählen: Streit in der Familie, Trennungsängste, Hass auf den eigenen Körper, der Stellenwert der Arbeit, das Überleben in der Fremde.
 
Das Leben ist eines der Leichtesten begegnet diesen zutiefst persönlichen Eindrücken nicht mit dem journalistischen Eifer eines Ari Folman, der in Waltz with Bashir (2008) die scheinbare Irrealität der Animation nutzte, um das Unaussprechliche fassbar zu machen. Vielmehr erinnert Nyffeneggers achtminütiger Gedankenspaziergang an Louise Bagnalls oscarnominierten Late Afternoon (2017), in dem eine demenzkranke Frau nicht mehr zwischen Gegenwart und Vergangenheit unterscheiden kann, was zur Folge hat, dass Bilder und Erzählung zunehmend an Kohärenz verlieren.
 
Ein ähnliches Phänomen ist in Das Leben ist eines der Leichtesten zu beobachten, dessen Protagonist_innen nicht im Rahmen fein säuberlich aneinandergereihter, druckfertiger Interviews zu Wort kommen. Stattdessen greift Nyffenegger Fragmente aus augenscheinlich längeren Konversationen auf, lässt sie kommentar- und weitgehend bezugslos aufeinanderprallen und arrangiert sie so zu einem faszinierenden, impressionistisch anmutenden Stimmengeflecht. Das Leben der Sprecher_innen verschwindet in der Abstraktion.
 
Hierbei fällt der bemerkenswerten Animation eine Doppelrolle zu. Während Nyffeneggers Zeichnungen – schwarze Kohle auf weissem Papier, das die Spuren vorangegangener Radierungen trägt – die Abstraktion der Tonspur widerspiegelt, walten sie auch als strukturierende Kraft: Die Linien gleiten mit der ballettartigen Eleganz von Viking Eggelings avantgardistischer Symphonie diagonale (1925) über die Leinwand und verwandeln sich in geometrische Formen, markante Figurenskizzen, Bäume, Regenwolken, ja, ganze kriegsversehrte Städte. Nicht zuletzt deshalb ist Das Leben ist eines der Leichtesten eine virtuose Erinnerung daran, warum der Animationsfilm «das Medium der unbegrenzten Möglichkeiten» genannt wird.
Alan Mattli
*1991, studierte Anglistik und Filmwissenschaft, zurzeit Doktorand in Englischer Literaturwissenschaft in Zürich. Freischaffender Filmjournalist, u.a. für FacingTheBitterTruth.com, Maximum Cinema und Frame, Mitglied der Online Film Critics Society.
(Stand: 2019)
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