JULIA ROSE GOSTYNSKI

TASTE OF HOPE (LAURA COPPENS)

An der Premiere von Taste of Hope bezeichnete sich Laura Coppens als «wanna-be-Filmemacherin». Ursprünglich aus dem Feld der Sozialanthropologie setzt sich Laura Coppens bei Scop-Ti, einer Teebearbeitungs- und Verpackungsfirma im Süden Frankreichs, als erstes mit den Fabrikmitarbeitenden ans Fliessband, bevor sie mit ihrem eigentlichen Vorhaben, einen Film über sie zu drehen, beginnt.
 
Taste of Hope beschäftigt sich dabei nicht mit dem berühmten 1’339-tägigen Streik, den die Arbeiter_innen der ehemaligen Firma Frolib-Tea 2010 auf sich nahmen, weil Unilever die Fabrik schliessen und nach Polen verlagern wollte. Der Film fasst vielmehr jene Zeit ins Auge, nachdem die Arbeitenden die Firma übernommen und die Kooperative Scop-Ti gegründet haben. Er zeigt die Probleme alternativer Wirtschaftsformen im Wettbewerb sowie den Überlebenskampf im kapitalistischen System.
 
Bereits die erste Szene, die auf die Abhängigkeit des Menschen von der Maschine fokussiert, bewegt einige Zuschauer_innen dazu, den Kinosaal zu verlassen. Die Kamera irrt durch die endlosen Fliessbandschlaufen der Fabrik und bewegt sich mit schwindelerregender Geschwindigkeit zwischen Teekartons, ruckartig Kurven schneidend, durch das Maschinengewirr. Die auf der Tonspur in den Vordergrund gerückten militanten Überzeugungen der Mitarbeitenden, die Omnipräsenz von Che-Konterfeien, können jedoch nicht die Tatsache verdrängen, dass die Existenz von Scop-Ti abhängig ist vom Funktionieren der sich immer schneller drehenden Zahnräder einer Maschine.
 
Zurück in der Hand Coppens widmet sich die Kamera den 50 Fabrikmitarbeitenden, die sich im Besprechungsraum «Castro» einmal wöchentlich treffen, wo im Sinne antiautoritärer Strukturen jede und jeder einzelne zu Wort kommt. Der konstante Widerspruch zwischen politischem Aktivismus und Profit, dem die Fabrikmitarbeitenden ausgesetzt sind, hinterfragt ebenso den Vertrieb und die Teewerbung. Da ohne Kompromisse nichts läuft, wird ein ehemaliger Mitarbeiter der Firma Nestlé beauftragt, neue Verpackungen zu entwerfen. Die Geschichte von Scop-Ti muss ebenso wie ihre militanten Parolen einer uniformierten Verpackung weichen.
 
Die mit einer Drohne aufgenommenen Szenen sind den persönlichen Aufnahmen der Mitarbeitenden entgegengesetzt. Die Kamera fängt die Arbeit an den Fliessbändern, während der Lindenblüten-Ernte oder die Umgebung der Fabrik in scheinbar spontanen, jedoch wohl überlegten Kadrierungen ein. Diese Aufnahmen beweisen, dass Laura Coppens alles andere als eine «wanna-be-Filmemacherin» ist und einen formal sowie inhaltlich überraschenden Film realisiert hat.
Julia Rose Gostynski
*1997 studiert Kunstgeschichte und Filmwissenschaft an der Universität Zürich. Im Oktober beginnt sie ihr Drehbuchstudium an der dffb Berlin.
(Stand: 2019)
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