SARA BUCHER

MAMA ROSA (DEJAN BARAC)

Mama Rosa – Dejan Baracs Diplomarbeit an der HSLU – brachte dem Nachwuchsfilmemacher dieses Jahr den „Pardino d’oro“ am Filmfestival in Locarno ein. Verdientermassen. Die Kurzdokumentation folgt mit eindringlicher Sensibilität und Empathie Baracs eigener Mutter durch den Alltag und fängt dabei jene kleinen Momente in einem schwierigen Leben ein, die in der Regel übersehen werden.
 
Ereignisreich ist Rosas Leben von aussen betrachtet nicht gerade, spielt es sich doch hauptsächlich zwischen einem halbdunklen Wohnzimmer und den sterilen Fluren eines Altersheims ab. Doch Baracs einfühlsame Kamera, die stets nahe an der Protagonistin bleibt, lässt das Publikum nicht aussen vor, sondern nimmt es mit auf eine Reise hinein in die Melancholie und die alltäglichen Probleme einer Ehefrau und Mutter, die universell und tief persönlich zugleich sind.
 
Rosa verdient ihr Geld als Putzfrau in einem Altersheim, ein Beruf, dem von der Öffentlichkeit nur wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht wird: In den weissen Fluren findet die Kamera Rosa allein und isoliert. Daheim kümmert sie sich aufopferungsvoll um ihren kranken Ehemann, der das Haus nicht verlassen kann und auf ihre Pflege angewiesen ist. Immer wieder kocht sie zuckersüssen Tee für ihren Mann oder ein Abendessen für die Kinder, die trotzdem nur selten da sind. Ihre Freizeit spielt in einem von Bildschirmen flackernd beleuchteten Halbdunkel zwischen iPad, Laptop, Fernseher und Handy. Die Geräte, so scheint es, sind ihre verlässlichste Verbindung zur Aussenwelt: Die Wohnung im Luzerner Wohnblock ist für Rosa Zufluchtsort und Gefängnis in einem.
 
Der Kurzfilm ist ein Werk, wie es nur einem gleichsam talentierten wie einfühlsamen Filmemacher gelingen kann, einem, der mit seiner Protagonistin so vertraut ist, dass er gemeinsam mit der Kamera ungesehen und unkommentiert im Hintergrund verschwindet. So wird Baracs Kamera – aus intimster Nähe – Zeugin von roher, ungeschönter Traurigkeit, die keinerlei filmischer Überhöhung bedarf, um tief zu Herzen zu gehen. In Momenten, in denen Rosa betrübt über das kommende Osterfest und die fehlenden Geschenke sinniert, oder als sie merkt, dass die Tochter wieder einmal nicht beim Abendessen dabei sein wird, scheint die Anwesenheit einer Kamera, so nahe an ihrem ausdrucksstarken Gesicht, beinahe paradox: Das Gefühl für Rosas einsame Unsichtbarkeit in ihrem eigenen Leben ist absolut. Doch für 20 Minuten lässt Barac seine Mutter sichtbar werden: Die Augen von Rosas intensiv melancholischer Präsenz abzuwenden, wird vollkommen unmöglich.
 
Sara Bucher
* 1991, studierte Anglistik und Gender Studies an der Universität Zürich. Schreibt über Filme und Serien, unter anderem für Maximum Cinema.
(Stand: 2019)
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