ALAN MATTLI

LA SÉPARATION DES TRACES (FRANCIS REUSSER)

«Ich bin mein eigener Biograf, immerhin», sinniert Francis Reusser zu Beginn seines dokumentarischen Filmessays La séparation des traces. Es ist ein programmatischer Satz, ebenso eine forsche Inanspruchnahme der Deutungshoheit über sein eigenes Leben und Werk, ein lakonisches Einräumen, dass er nur begrenzten Einfluss darüber haben wird, ob und wie er der Welt in Erinnerung bleiben wird.
 
Reusser, 77, Pardo-d'oro- und César-Gewinner, Mitbegründer des Neuen Schweizer Films, befasst sich in diesem kantigen Spätwerk also mit den Gedanken, die jüngst bereits einen Jean-Luc Godard in seinem Filmmaterial-Experiment Le livre d’images (2018) und eine Agnès Varda in ihrer selbstverfilmten Grabschrift Varda par Agnès (2019) umtrieben. Sie alle stellen die Frage nach der Zukunft des Kinos und den Menschen hinter der Kamera im digitalen Zeitalter. Nach Antworten suchen sie nicht zuletzt in ihrer eigenen Vergangenheit.
 
In La séparation des traces lädt Reusser mit grüblerischem Voiceover zum Gang durch seine «Welt der Obsessionen»: Er skizziert seine turbulente Jugend mit dem suizidalen Vater und der unbekannten Mutter. Er blickt nostalgisch ins Archiv – in seine Lehrzeit beim Westschweizer Fernsehen, wo ihn das genresprengende Chaos in seiner ganzen «unverschämten Unkorrektheit» prägte. Er stellt sich gegen das angebliche Diktat der Pixel und findet dafür Bestätigung in Clips aus seinem eigenen Schaffen, von Quatre d’entre elles (1966) bis La terre promise (2014) – wobei Making-of-Material zeigt, dass der offenbar luddistisch veranlagte Reusser schon in den Achtzigerjahren von einer Rückkehr zum Stummfilm träumte.
 
Das Motiv, das in diesem Flickenteppich aus Erinnerungen und Assoziationen am stärksten in Erscheinung tritt, ist Reussers Faszination mit Grenzen, ihrem Überschreiten und ihrem ordnenden Charakter. Immer wieder kehrt er mittels Szenen aus seinem eigenen Le grand soir (1976) zum Genfersee zurück – dem buchstäblich fliessenden Übergang zwischen den beiden Kulturen, denen er sich verpflichtet fühlt.
 
Doch gerade hier wird der sonst so facettenreiche La séparation des traces von einer frustrierenden Engstirnigkeit erfasst: Reusser, der einstige Neokolonialismus-Gegner, schwingt sich hier zum Willkommenskultur-Kritiker auf. Schwärmt er im einen Moment angesichts seiner eigenen Filme vom Verwischen der Absolute, spricht er dort verschmitzt von seiner Verachtung für den modernen Fussball und erinnert an seine «reaktionäre» Unterstützung des traditionellen Familienbildes. Während Godard und Varda in ihren autobiografischen Selbstporträts den Blick für das Universelle behalten, interessiert sich Reusser hier vor allem für Reusser.
Alan Mattli
*1991, studierte Anglistik und Filmwissenschaft, zurzeit Doktorand in Englischer Literaturwissenschaft in Zürich. Freischaffender Filmjournalist, u.a. für FacingTheBitterTruth.com, Maximum Cinema und Frame, Mitglied der Online Film Critics Society.
(Stand: 2019)
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