PHILIPP AUCHTER

ZWINGLI (STEFAN HAUPT)

Wenn Huldrych Zwingli (eine Erscheinung: Max Simonischek) als frisch antretender Priester des Zürcher Grossmünsters durch das spätmittelalterliche Städtchen weibelt, so treten die Probleme des Historienfilms schnell zutage. Man sieht der Leinwand den teuren Aufwand an, der betrieben wurde, um die Illusion der historischen Zeit hervorzurufen. Doch das Geld (rund 6 Millionen Franken) ist nie genug – die Kulissen bleiben immer sichtbar.
 
Die Reformen von Zwingli kommen anfangs noch gut voran. Das bringt das gestraffte Drehbuch mit sich. Und so erleben wir ein Zürich (alias Stein am Rhein) im ständigen Ausnahmezustand. Das leicht anarchistische Treiben auf den Strassen erinnert an einen Pausenplatz, auf dem die Schüler_innen ständig in Streit geraten. Und die historisch bedeutsamen Interaktionen, die sich in dem Gewusel unwillkürlich ergeben, reihen sich so nahtlos aneinander, als sässe das Publikum in einer jener Wasserbahnen des Europa-Parks (denke an die ‹Piraten in Batavia›).
 
Ach Zwingli, Schreckgespenst der Zürcher Partykultur, wer warst Du nur? Wir lernen ihn als einen streitlustigen, leutseligen und gewitzten Junggesellen kennen, der naiv und lieb, aber auch selbstsicher und mutig die Gläubigen um sich schart (denke schwach an die Jesusfigur). Diesem Zwingli begegnet während seiner Pestkrankheit (hervorragende Maske; der Todeskampf wirkt echt!) die Witwe und künftige Ehefrau Anna Reinhart (ein durchdringender Blick: Anna Sophia Meyer). Anna beeindruckt als starke Frauenfigur, ihre Rückfälle in die katholische Selbstkasteiung wirken aber insgesamt so unglaubwürdig wie Zwinglis modernes Verständnis der romantischen Liebe.
 
So weit zu den Schwächen dieses Films. Denn obschon sie zahlreich sind, hat der Film viele kluge Wege gefunden, um die Lehren und Stationen Zwinglis in einprägsame Szenen zu überführen ¬– was viel mit den Schauspieler_innen und den Dialogen zu tun hat. Die Zitate aus Zwinglis Werken wurden erfrischend zahlreich und durchaus geschmackvoll ins Drehbuch eingestreut. Man geniesst die historische Sorgfalt, mit der hier gearbeitet wurde. Und der zürichdeutsche Sound der Damen und Herren, der im Trailer noch ein wenig grotesk an Radio 200'000 erinnerte, entwickelt auf Spielfilmlänge einen beschwingenden Flow, in welchem auch frühneuhochdeutsche Soundbites Eingang finden.
 
«S Evangelium hät pfuuset wienen Sibeschlöfer»; es sind solche kreativen Sprechweisen der Zürcher Reformation, die letztlich in Erinnerung bleiben. Man kann dem Film nicht wirklich böse sein, denn man ahnt es: Er hat gerade jene erreicht, die sonst fast nie ins Kino gehen.
Philipp Auchter
*1986, ist Redakteur der Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft und arbeitet als freier Journalist für die Literaturredaktion von Radio SRF. In seiner Dissertation beschäftigt er sich mit dem Ende der Parabel als literarische Gattung.
(Stand: 2018)
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