JULIA ROSE GOSTYNSKI

SALAM GODZILLA (GILLES AUBRY)

1960. Ein Erdbeben erschüttert Agadir und hinterlässt Zerstörung und Tod. Mittels der Aufnahme von Tönen und Bildern forscht Gilles Aubry den Hinterlassenschaften dieses Erdbebens nach.
 
Das Kino Salam hat dank seiner tunnelähnlichen Form, als eines der einzigen Gebäude in ganz Agadir, das Erdbeben von 1960 überstanden. Mit seinem Mikrofon erzeugt Gilles Aubry Rückkopplungen in dem mittlerweile ungenutzten Kinosaal und lässt dadurch dessen akustischen Eigenschaften erklingen. Die hellen und dumpfen, gläsernen und erdigen Klänge, die gegen Ende des Films immer nervöser und schriller werden, begleiten uns durch den gesamten Film. Die Kamera verlässt den Saal mehrere Male, über die Tonspur bleiben wir immer mit dem Kino Salam verbunden.
 
Die Zerstörung der Stadt zeigt Aubry mittels found-footage-Aufnahmen, die von einem Macbook abgefilmt wurden. Das scheinbar in keine eindeutige Richtung verlaufende Puzzle von Bildern und Tönen findet seinen Höhepunkt in der Neuinterpretation eines Gedichts von Ibn Ighil durch den lokalen Sänger Ali Faiq. Lange ist die Quelle des Gesangs unsichtbar und der tragische, in Gedichtform verfasste Erlebnisbericht des Erdbebens legt sich wie ein schwerer Schatten über die Bilder.
 
Ein junger Mann befreit poröse Steinformationen von Sand. Mit seiner Hand und einem Eimer Meerwasser lässt er verborgene Dinosaurierfussabdrücke sichtbar werden und ahmt anschliessend die Bewegungen der Dinosaurier am Strand nach. Die Nahaufnahmen der Abdrücke werden mit Aufnahmen des zerfallenden Kinosaals, mittels einer eindrücklichen Parallelmontage einander gegenübergestellt. Das Isolationsmaterial befreit sich aus den Wänden und die Farbe löst sich von der Decke. Am Abend des Erdbebens soll im Kino Salam Godzilla (Japan/USA, 1954) gelaufen sein. Durch Aubrys Montage verwischen so Fiktion und Geschichte, um imaginären Narrativen Raum zu lassen.
 
Der Tonkünstler und Forscher Aubry verbindet Aufnahmen von Dinosaurierforschern, Erdbebensimulationsmaschinen und einheimischen Männern, die einen traditionellen Tanz ausüben. Die Forschung, die Aubry betreibt, ist keine ergebnisorientierte. Es sind visuelle und akustische Aufnahmen, die den einzelnen Zuschauenden erlauben, den Bild-und Klangteppich ihren eigenen Gesetzen folgend weiterzuweben.
Julia Rose Gostynski
*1997 studiert Kunstgeschichte und Filmwissenschaft an der Universität Zürich. Im Oktober beginnt sie ihr Drehbuchstudium an der dffb Berlin.
(Stand: 2019)
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