KATJA ZELLWEGER

BRUNO MANSER — DIE STIMME DES REGENWALDES (NIKLAUS HILBER)

Er ist unbestritten ein Schweizer Held der jüngeren Zeit. Über ihn, auf den Kopfgeld ausgesetzt war, sein mehr als sechs Jahre dauernder Aufenthalt in einer indigenen Gemeinschaft, sein unermüdlicher, international weitreichender Aktivismus gegen die unreglementierte Abholzung des Regenwaldes, die Vertreibung des Penanvolkes sowie sein bis heute ungeklärtes Verschwinden, darüber wurden schon drei Dokumentarfilme gedreht. Dabei bietet sein Leben Material für einen Spielfilm, Genre: Drama. Die Rede ist von Bruno Manser, dem Basler Menschenrechts- und Umweltaktivisten, der unbeirrbar für das auf malaysisch Borneo beheimatete Volk der Penan und ihren Lebensraum gekämpft hat.
 
Regisseur Niklaus Hilber, der auch am Drehbuch mitgearbeitet hat, geht weitgehend solid mit dem realen Helden um. Er setzt den Schwerpunkt auf die Zeit Mansers im Urwald von 1984 bis 1990, seine politischen Aktionen und Verhandlungen für den 1992 gegründeten Bruno Manser Fonds und seine letzte Rückkehr nach Borneo. Diese Gewichtung spart andere Aktionen, wie etwa den Hungerstreik auf dem Bundesplatz oder einen Fallschirmabsprung bei Genf, aus. Vorerzählungen oder Rückblenden auf die Biografie gibt es nicht. Das ist begrüssenswert konsequent. Dafür macht Hilber den Zusammenhang zwischen westlichem Konsumverhalten und rigoroser Abholzung deutlich, er thematisiert die problematischen Umsiedlungsversuche und Mansers Idee für die Schaffung eines autonomen Gebietes für die Penan. Das gibt dem Film Raum, die Konflikte in Borneo darzustellen, die gerade heutzutage für so viele ähnliche Konflikte stellvertretend sind: die grassierende Urwaldabholzung in Brasilien, im Kongo und nach wie vor auf Borneo. Rot aufgerissene, ihrer Bäume entrissene Erde sieht man im Film, für immer in die Tiefe stürzende Baumriesen – aber auch intakten Urwald: eine unsäglich schöne Landschaft sowie ein traditionsreiches, starkes Penan-Volk. Das alles hat mehr als eine Leinwand verdient. Lobende Erwähnung verdient sich Hauptdarsteller Sven Schelker; auch er gehört in die Reihen der aufstrebenden Schweizer Schauspielertalente neben Joel Basmann und Max Hubacher. Denn Schelker spricht nicht nur die Sprache der Penan, sondern ist auch sonst mehr als fähig, Mansers Verbissenheit und seine rastlose, zwiegespaltene Suche nach einem zivilisationsfernen Zuhause zu verdeutlichen.
 
Das Problem an cineastischen Heldenepen: Sie wollen immer etwas zuviel an Hühnerhaut. Mit seinem letzten Film Amateur Teens (2015) hat sich Hilber in feine zwischenmenschliche Konflikt- und Kriegszonen von Schweizer Teenagern begeben, wo Internetmobbing junge Menschen zu Fall bringt wie Motorsägen die Urwaldriesen. Sein neuer Featurefilm wagt sich mit einem grösseren, symbolischeren Stoff in Richtung Hollywood – die Musik stammt von Oscarpreisträger Gabriel Yared. Dies tut der Story nicht unbedingt gut, unterstreicht gerade in kitschigen Liebesszenen mit zu viel Streichorchester die Schwächen der Erzählung. Auch sonst ist die Musik zu vorwegnehmend, zu manipulativ, zu «spielfilmig» für einen so realen Stoff. Die Musik färbt auf das Ende ab, wo Mansers Verschwinden symbolisch überhöht und transzendental wird. Vielleicht hätte es wie bei «Zwingli» – einer weiteren Schweizer Grossproduktion im Kinojahr 2019 – etwas grösseren historischen Abstand zum Stoff gebraucht.
Katja Zellweger
*1986, Studium der Germanistik und Kunstgeschichte in Bern, arbeitet als Redaktorin der Berner Kulturagenda, 2014 - 2017 als Produktionsleitung und Teil der Programmationsgruppe im Schlachthaus Theater Bern tätig, davor wissenschaftliche Mitarbeit im Robert Walser-Zentrum Bern, Co-Gründung des Dislike. Magazin für Unmutsbekundung, einem Format, das die Mannigfaltigkeit von Kritik zelebriert. Schreibt seit der Teilnahme an der Critics Academy Locarno Filmkritiken für Filmexplorer.ch und Filmbulletin und Cineman, in Bern vor allem im Kino Rex anzutreffen.
(Stand: 2018)

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