SIMON MEIER

ZWISCHEN GLAMOURFAKTOR UND KUNSTANSPRUCH: DAS 15. ZURICH FILM FESTIVAL

Seit 15 Jahren lässt das Zurich Film Festival alljährlich von Ende September bis Anfang Oktober einen Hauch von Hollywood durch Zürichs Strassen wehen. Zu Beginn noch als kümmerliche Konkurrenz zum grossen Locarno belächelt, hat sich das Festival in der Limmatstadt nun nicht nur hierzulande, sondern auch über die Grenzen hinaus als feste Grösse im Festivalkalender etabliert. Dazu beigetragen hat sicher auch die Partnerschaft mit dem Filmfestival von San Sebastian, mit dem man die Stars an die Bucht von La Concha und in die Zwinglistadt holt. Geblieben ist die nicht immer gleich gut gelungene Mischung aus dem Anspruch, ein Festival mit Glamourfaktor und zugleich ein Ort der Entdeckung von neuen, künstlerisch hochwertigen Filmen zu sein. Das äussert sich auch bei der 15. Ausgabe darin, dass viele Wettbewerbsbeiträge bereits an anderen Festivals gelaufen sind.
 
Der diesjährige Eröffnungsfilm war – dies überraschte positiv – kein Film mit grossen Namen, sondern die Schweizer Produktion Bruno Manser – die Stimme des Regenwaldes (Niklaus Hilber, CH 2019). Es ist ein Biopic über einen Aussteiger, der sein Glück bei den indigenen Penan im Dschungel von Borneo suchte und schon nach kürzester Zeit zu einem Aktivisten gegen die Abholzung des Regenwaldes und der Bedrohung der Lebensweise der Penan wurde. Dass die Eröffnungsvorstellung über den Zivilisationflüchtling Manser nur von geladener Prominenz aus Politik, Kultur und Wirtschaft gesehen werden durfte, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.
 
Das Herzstück des Festivals bildeten auch dieses Jahr der internationale Spielfilmwettbewerb und die Galapremieren, wobei letztere durch das medial recht pompös inszenierte Auftreten der Stars, Regisseurinnen und Schauspielerinnen auf dem grünen Teppich wohl immer noch als das eigentliche Kernstück des Festivals gelten können. Der Spielfilmwettbewerb überzeugte durch sorgfältig ausgewählte Produktionen, welche die erste-, zweite oder dritte Regiearbeit der Regisseure/-innen darstellen. Laut Festivaldirektor Karl Spoerri wurden für die Filmauswahl aller Sektionen rund 2'000 Werke gesichtet. Von den 14 Wettbewerbsbeiträgen im Spielfilmwettbewerb fielen einige natürlich besonders auf: Zum einen der einzige Animationsfilm in der Reihe: J’ai perdu mon corps (FR 2019) von Jérémy Clapin, der bereits mit dem Kritikerpreis der «Semaine de la Critique» in Cannes ausgezeichnet wurde, faszinierte mit seiner ungewöhnlichen Handlung über das Eigenleben der abgesägten Hand eines Schreinerlehrlings. Die im Stil eines animierten Comic präsentierte Geschichte über Verlust, Verlorenheit und die erste grosse Liebe berührte mit betörend poetischen Bildern und einem hypnotischen Soundtrack. Auch der isländische Beitrag Hvítur, Hvítur Dagur (A White, White Day) von Hlynur Palmason (IS/DK/SE 2019) lief bereits an der «Semaine». Palmasons sehr gelungenes Portrait eines pensionierten Polizisten, der in der weitläufigen, kargen Landschaft von Island mit seinen inneren Dämonen kämpft – dem tragischen Tod seiner Frau, ihrer unersetzbaren Abwesenheit und der Ungewissheit, ob sie ihn betrogen hat – betörte mit dem grandiosen Schauspiel des Hauptdarstellers Ingvar Sigurdsson und symbolstarken Aufnahmen von Islands surrealer Landschaft.
 
Ebenfalls unter die Haut ging der Wettbewerbsbeitrag La Llorona (Jayro Bustamante, GT/FR 2019) aus Guatemala, der die Aufarbeitung des Völkermordes an den indigenen Mayas unter der Militärdiktatur thematisierte. Geschickt verbindet Regisseur Bustamante den südamerikanischen Mythos einer weinenden Frau, die um ihre ertrunkenen Kinder weint, mit den realen Gräueln der Militärdiktatur. Durch einen Fluch muss die Familie des ehemaligen Generals Enrique Monteverde die Abscheulichkeiten des Genozids selber durchleben, die Realität und die Alpträume der Protagonisten beginnen sich zu vermischen. Die intensiven Bilder des Genremixes aus Horror-, Geister- und Kriegsverbrecherfilm bleiben haften.
 
Die gelungenste Tragikomödie des Festivals war zweifelsohne Babyteeth von Shannon Murphy (AU 2019). Die auf der Filmadaption des Theaterstücks von Rita Kalnejais beruhende Geschichte über ein krebskrankes Teenager-Mädchen, dass sich in einen lebensfrohen und selber süchtigen Drogendealer verliebt, überzeugte mittels der federleichten, mit absurdem Humor untermalten Präsentation des tragischen Schicksals besonders. Toby Wallace gewann am Filmfestival von Venedig für seine Darstellung des Drogendealers Moses den «Marcello Mastroianni Award» für den besten jungen Darsteller.
 
Der Gewinnerfilm des Spielfilmwettbewerbs, Sound of Metal von Darius Marder (US 2019), konnte mit der introspektiven und feinfühligen Darstellung des Schicksals des Schlagzeugers Ruben (Riz Ahmed) entzücken, der von einem Moment auf den anderen sein Gehör verliert. Durch eine geschickt gestaltete Tonspur, die zwischen der Subjektive des tauben Ruben und der akustisch normalen Aussenwelt hin- und herwechselt, kann die Zuschauerin die Tragweite des plötzlichen Gehörverlusts selber miterleben. Besonders die Tragik, die sich einstellt, als Ruben realisieren muss, dass er auch mit Hörimplantaten nie mehr wie vorher wird hören können, sondern alles stark verzerrt wahrnehmen muss, lässt niemanden kalt.
 
Der Schweizer Film war am Festival neben dem Eröffnungsfilm und der Koproduktion Silence Radio (Juliana Fanjul, CH/MX 2019) im Dokumentarfilmwettbewerb leider nur in den Sektionen ‹Fokus Schweiz, Deutschland, Österreich› und der Sparte ‹Special Screenings› präsent. So etwa mit der Doku Cody – The Dog Days Are Over von Martin Skalsky (CH 2019), der eine Ursprungsgeschichte über einen Strassenhund aus Rumänien erzählt, der Dokumentation I’ll be your mirror (Johanna Faust, CH 2019) über das immer noch stark tabubehaftete Thema Mutterschaft und Selbstverwirklichung, dem Gewinner des Publikumspreises Volunteer (Anna Thommen, Lorenz Nufer, CH 2019) über das Leben von Schweizer Flüchtlingshelfern oder dem Erstlingsspielfilm Inherit the Viper (US/CH 2019) des Genfers Anthony Jerjen, der für seine Geschichte über drei Geschwister, die sich in einem verschlafenen Nest in Ohio mit dem Handel von Schmerzmitteln ihre Existenz sichern, die Hollywoodgrössen Bruce Dern und Josh Harnett gewinnen konnte.
 
Trotz einer guten Filmauswahl in den Wettbewerbssektionen bleibt das ZFF auch in seiner 15. Ausgabe ein Festival, das stark von seinem Fokus auf Stars und deren Ehrung mit eigens dafür geschaffenen Spezialpreisen ausgerichtet ist. So wurde in den Medien vor allem über die Besuche von Roland Emmerich, der den diesjährigen ‹A Tribute to… Award› erhielt, Cate Blanchett, die mit dem ‹Golden Icon Award› geehrt wurde, Kristen Stewart, die den ‹Golden Eye Award› erhielt, oder Javier Bardem, Oliver Stone, Julie Delpy und Donald Sutherland, die im Filmpodium Zürich im Rahmen der ZFF Masters von ihren Erfahrungen erzählen durften, berichtet. Es war die letzte Festivalsausgabe unter der Ägide von Karl Spoerri und Nadja Schildknecht. Man darf gespannt sein, wie sich das ZFF unter dem neuen künstlerischen Leiter Christian Jungen präsentieren wird. Ein noch markanterer Fokus auf starke, neue Produktionen aus allen Weltregionen wäre wünschenswert.
Simon Meier
*1986, Studium der Kunstgeschichte, Filmwissenschaft und Ethnologie an der Universität Zürich. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Ar­beitet als Bildredaktor bei Keystone-SDA. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2019)
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