SIMON MEIER

BAGHAD IN MY SHADOW (SAMIR)

Es ist kurz vor Weihnachten: Im Café Abu Nawas in London treffen ich regelmässig Exil-Iraker zum sozialen Austausch. Zur engeren Riege gehören der Schriftsteller Taufiq, die Architektin Amal, der homosexuelle Informatiker Muhanad, die Kommunistin Samira. Das Café wird vom kurdischen Aktivisten Zeki geführt. Taufiq, im Irak Schriftsteller, arbeitet nun als Museumswächter. Amal muss sich, weil ihr Diplom in Grossbritannien nicht anerkannt wird, mit einem Job als Serviceangestellte im Café zufriedengeben. Muhanan lebt von unregelmässigen IT-Jobs, die seine Freunde ihm vermitteln. Alle drei verbindet, dass sie ihre Vergangenheit im Irak nicht loslässt. Schon bald wird klar, dass Amal unter falscher Identität vor ihrem gewalttätigen Ehemann geflohen ist, Taufiq als Kommunist und Freidenker interniert wurde und Muhanan als Homosexueller im Irak kriminalisiert wurde. Als Taufiqs Neffe Naseer, um den er sich seit dem Tod des Bruders kümmert, sich unter dem Einfluss des extremistischen Predigers Scheich Yassin immer mehr zu radikalisieren beginnt und eines Tages plötzlich Amals Ehemann Ahmed im Café auftaucht, wird das eigentlich gemütliche Leben der Freunde ernsthaft in Frage gestellt.
 
Samirs erster Spielfilm seit Snow White (CH 2005) führt die Problematik der irakischen Diaspora, die er bereits im Dokumentarfilm Iraqi Odyssey (CH/DE/AE/IQ 2014) aufgegriffen hat, in fiktionaler Weise fort. In elliptischen Zeitsprüngen und dem filmischen Modus eines Thrillers springt er zwischen der Gegenwart der irakischen Exilgemeinschaft in London, der Befragung Taufiqs über einen Mord auf einem britischen Polizeiposten und der Vergangenheit im Irak unter Saddam Hussein. Durch diese manchmal etwas verwirrendenden Zeitsprünge wird das eigentliche Hauptthema des Filmes, das Verhaftet-bleiben in der eigenen Vergangenheit, die sich nicht abschütteln lässt, verdeutlicht. Taufiq, Amal und Muhannan sind der säkularen Gesellschaft Englands gegenüber sehr aufgeschlossen, geniessen ihre offene Kultur, fühlen sich aber gleichzeitig mit den Traditionen des Irak verbunden, was zu irritierenden Momenten führt, etwa wenn sie sich nicht öffentlich als Liebespaar mit ihren momentanen Partnern zeigen wollen. Mit der zunehmenden Radikalisierung von Taufiqs Neffen Naseer unter dem manipulativen Einfluss von Amals Ehemann Ahmed holt Amal und Taufiq die eigene Vergangenheit immer mehr ein. Die negativen Elemente der irakischen Gesellschaft – die Homophobie, die Kriminalisierung von Ehebrechern und Atheisten – werden plötzlich zum bestimmenden Element.
 
Baghad in my shadow, der am Filmfestival Locarno seine Premiere feierte, überzeugt mit einer bewegenden Geschichte über die Wichtigkeit des Aufbegehrens gegen Intoleranz, wobei die Reduktion des breiten Themenspektrums zu Gunsten von mehr Detailtiefe der einzelnen Charaktere und ihrer Probleme wünschenswert gewesen wäre.
Simon Meier
*1986, Studium der Kunstgeschichte, Filmwissenschaft und Ethnologie an der Universität Zürich. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Ar­beitet als Bildredaktor bei Keystone-SDA. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2019)
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