JULIA ROSE GOSTYNSKI

WHERE WE BELONG (JACQUELINE ZÜND)

We, das sind Kinder und Jugendliche, welche die Scheidung ihrer Eltern miterleben. Where fragt nach dem Ort, an den sie nach der Scheidung hinkommen. Und das Belong lässt erahnen, dass die Frage wohl nie ganz schlüssig zu beantworten ist.
 
Die fünf Scheidungskinder, die Jacqueline Zünd für ihren Film ausgesucht hat, befinden sich alle in verschiedenen Regionen der Schweiz und doch irgendwie am selben Ort: in der Einsamkeit. Scheidung wird durch Zünd zu einer Zeit, die alleine durchgemacht werden muss. Dieser Eindruck entsteht durch die Kamera, die nah an den Gesichtern und Körpern der Kinder und Jugendlichen klebt. Darunter einige Einstellungen der Zwillinge im Pool, auf dem Trampolin, oder bei einem mechanischen Rodeo-Ritt, bei denen sich mir die Frage stellt, ob sie dadurch legitimiert sind, dass es eine Frau ist, die auf die Körper blickt. In einer ständig wiederkehrenden Einstellung werden die jungen Menschen abwechslungsweise in einem dunklen Raum gezeigt. Sie starren frontal in die Kamera, während farbige Lichter im Takt poppiger Musik ein- und ausgeblendet werden. Diese komponierte Einsamkeit wirkt nicht nur im negativen Sinn isolierend, sondern erlaubt den Jugendlichen und Kindern das Bespielen einer freien Bühne. Indem den Kindern – im Gegensatz zu den Eltern – eine sehr prominente Rolle zugewiesen wird, trennt das Bild Eltern und Kinder. Die Eltern sind hinter Sesseln oder durch Unschärfe im Bild versteckt und werden mit Distanz gar unkenntlich gemacht. Somit werden sie zu Phantomen, die den Hintergrund bespielen dürfen und ihren Kindern die Starrolle überlassen müssen.
 
Zünd setzt die Einsamkeit in ihren komponierten und hochorganisierten Bildern prominent in Szene, das We im Titel, welches eine Gemeinschaft impliziert, wird dadurch jedoch zu einer obsoleten Formel. Der Film stellt weder kollektive, der Einsamkeit entgegengestellte Orte vor, noch entwirft er Zufluchts- und Hoffnungsräume für Scheidungskinder und -jugendliche, vielmehr werden sie von der Kamera etwas deterministisch in einsamen Orten gefangen gehalten, in die sie sich selbst geflüchtet haben: alleine, mit zugezogenen Vorhängen, im Keller am Gamen, im Garten, in süsse Kleidchen gekleidet, mit Puppenhäusern spielend, alleine im Parkhaus, nachts, auf einen hell erleuchteten Freizeitpark blickend.
 
Jacqueline Zünd war es wichtig, die Jugendlichen und Kinder nicht als Opfer, sondern als Stars darzustellen. Das ist ihr gelungen, indem sie gekonnt die wahrscheinlich schönsten Scheidungskinder an den filmreifsten Orten hat auftreten lassen und so einen visuell eindrucksvollen Film erschaffen hat. Mir stellt sich jedoch die Frage, wo dieser gesuchte Ort für Scheidungskinder denn sein soll, nach dem das Where im Titel fragt.
Julia Rose Gostynski
*1997 studiert Kunstgeschichte und Filmwissenschaft an der Universität Zürich. Im Oktober beginnt sie ihr Drehbuchstudium an der dffb Berlin.
(Stand: 2019)
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