MATTIA LENTO

DIGITALKARMA (MARK OLEXA, FRANCESCA SCALISI)

Digitalkarma, ein Film im Wettbewerb um den Prix de Soleure 2019, bekräftigt die thematische Kohärenz der französischen Produktionsfirma «Dok mobile». Francesca Scalisi und Mark Olexa, Regisseure, Produzenten und Begründer dieser jungen und schon auf internationaler Ebene etablierten Firma, entwickeln in Ihren Filmen und Produktionen Erzähllinien, in denen der Mensch ständig mit ökologischen und sozialen Situationen von extremer Schwierigkeit konfrontiert wird. Die Protagonistin ihrer Filme ist sehr oft eine Frau, die in vom Patriarchat diktierten, sozialen Regeln gefangen ist.

Dieser Dokumentarfilm wurde in Bangladesch gedreht und erzählt die Geschichte von Rupa, einer jungen Frau aus einer ländlichen Familie der hinduistischen Minderheit des Landes. Sie erhält durch ein Ausbildungsprogramm einer Nichtregierungsorganisation die Möglichkeit, Informatikerin und Gesundheitsberaterin zu werden. Die Zutaten für ein Happy End, für die soziale Befreiung der Frau, sind alle da: ein starker Charakter, eine offene Familie und, wie gesagt, die Möglichkeit des Zugangs zu einer spezialisierten Ausbildung. Die Geschichte nimmt jedoch eine andere Wendung und Rupa ist gezwungen, Kompromisse einzugehen, die nicht leicht zu akzeptieren sind.

Die Regisseure wählen einen diskreten, nicht rhetorischen und beobachtenden Stil. Sie laden den westlichen Zuschauer ein, sich um das Verständnis einer Realität zu bemühen, die nach unseren Kategorien grausam erscheinen könnte. Das Schicksal von Rupa zeigt die Unmöglichkeit für eine Frau, im ländlichen Kontext von Bangladesch, außerhalb der familiären und gesellschaftlichen Beziehungen zu existieren.

Im Allgemeinen ist es die individualistische Perspektive, die dazu führen könnte, den Film als Niederlage für die Frau zu lesen. Digitalkarma ist ein Film, der zwar wehtut, aber dennoch ein «Prinzip Hoffnung» für eine nicht sehr ferne Zukunft lesbar macht: Rupa hat ihr Ziel nicht erreicht, doch der Misserfolg wird vielleicht nicht umsonst sein. Dank eines Videotagebuchs, das die beiden Autoren mit dramaturgischem Gespür verwenden, scheint Rupa nach und nach den Faden der Erzählung in die Hand zu nehmen. Sie lässt uns so mit grosser Würde in ihre gequälte Intimität eintreten und zeigt ihr starkes Selbstbewusstseins.

Digitalkarma, ein filmisches Projekt, das vier Jahre dauerte, ist eine Immersion in Rupas Welt. Die einfache Struktur und der melodramatische Charme der Figur machen das Werk auch für diejenigen zugänglich, die nicht regelmässig ins Kino gehen.
Mattia Lento
*1984 in Italien, Promotion über La scoperta dell‘attore cinematografico (Pisa 2017), zurzeit Gastforscher und Dozent an der Universität Innsbruck mit einem Stipendium des Schweizer National Fonds. Forschungsschwer­punkte: Frühes Kino/Europäischer Stummfilm/Filmschauspielerei/Film und Migration/Film und Politik/Filmkultur in der Schweiz. Freier Journalist beim RSI und filmexplorer.ch
(Stand: 2019)
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